Pennys Wochenrückblick Folge 20: Hello Wien, in Polen gestohlen und ein gruseliger Leberwurstfleck!
Vielleicht trug es sich ja so zu:
Mathilde, eine Frau im schlichten Blümchenkleid und mittleren Alters, beschmierte die Stullen ihres Ehemannes Horst mit dicker Leberwurst, die sie ihm in einem feierlichen Akt zum Abendessen kredenzte. Dazu eventuell ein warmer Hagebuttentee. Dem Horst, der die Stullen unterhemdtragend in einem alten Fernsehsessel verzehrte, mundete es sehr, die zufrieden schmatzenden Geräusche konnten da gar keine Zweifel aufkommen lassen.
Nach der Völlerei spülte Mathilde die restlichen Brotkrumen vom Teller und ließ heißes Wasser in die leere Teetasse einlaufen, weil die langjährige und praktische Erfahrung als Hausfrau sie gelehrt hatte, dass man aus einer Teetasse so ziemlich alles herausgespült bekommt, nur keinen festgekrusteten Hagebuttenrand.
Sodann wirft sie aufgelöst und aufgeregt ihr Blümchenkleid in den Wäschekorb, malt mit ihrem roten Lippenstift einige Male wild im Gesicht herum und wirft eine schicke schwarze Robe über das mit künstlichen Spinnenweben verzierte Haar, um dem immer noch im Fernsehsessel sitzenden und Leberwurstbrote verdauenden Horst aufzufordern:
„Na los! Wir gehen uns jetzt gruseln!“
Ja!
Es ist wieder Halloween in Deutschland.
Dieses Fest, was so ähnlich wie Karneval ist - nur vielleicht nicht ganz so albern - ist die Zeit, in der Kinder kostümiert von Haustür zu Haustür hetzen, um Süßes einzufordern, da es sonst Saures gibt, was schon unverständlich an sich ist, schließlich haben die Süßigkeitenabteilungen in den Supermärkten das ganze Jahr offen, wozu muss man da arme Mitbürger aus dem Fernsehschlaf entreißen?
Wir sind aber keine Spielverderber (denn wir befürchten ausgeprägte Muster roher Eier an unserer Hauswand) und befüllen die Taschen der Kinder mit all dem klebrigen Zeugs, vermutlich zweitklassiger Aldi-Süßkram, das gute Zuckerzeug, wo Snickers und Bounty draufsteht, wird für Zeiten gehortet, in der man wieder vom wirtschaftlichem Aufschwung sprechen kann.
Die Erwachsenen (eventuell sogar Horst und Mathilde) gehen dann des Nachts, wenn die Kinder mit Bauchkrämpfen im Bett liegen, auf fesche Halloweenpartys.
Und in diesen reflektiert sich zum Teil die Unfähigkeit Deutschlands, die Dinge auch mal richtig zu machen.
Denn auf Flyern oder in Zeitungsausschnitten steht es zu 99 % Schwarz auf Blut, dass auf der Halloween Party XY „Verkleidungen erwünscht“ seien.
Mit anderen Worten, wenn Horst mit seinem weißen Unterhemd, auf dem ein kleiner Leberwurstfleck ein verriebenes Dasein fristet, auf einer Halloweenparty erscheint, dann ist das auch okay!
Welch ein Unding!
Wäre ich Halloween-Veranstaltungs-Organisator-Creative-Director, auf meine Partys käme niemand unverkleidet und da würde auch kein rotes Gummimesser helfen, das albern aus der Stirn herausragt.
Wer soll sich bitte schön zu Tode gruseln, wenn die Gäste untereinander murmeln: „Also die Fleischmütze sieht schon beängstigend aus, auch die Kork-Sandalen lassen meine Nackenhaare schreien…aber der Leberwurstfleck macht die grausige Gesamterscheinung komplett zunichte.“
Nein, für Menschen wie Horst würde ich Anti-Halloween-Partys veranstalten, garantiert gruselfrei und sei es nur deswegen, weil zu jeder Massenbewegung (Weihnachten, Halloween, Fleischesser) auch eine kleine Gegenbewegung existiert, die den Spielverderber markiert.
Anti-Halloween-Partys würden in komplett durch Halogenlampen ausgeleuchteten Hallen stattfinden, damit auch ja kein zufälliger Grusel im Vorbeigehen entsteht.
Den Getränken würde jegliche Farbe fehlen (es kommt also nur Mineralwasser und Wodka pur in Frage), da das Vorhandensein kolorierter Cocktails gleich Misstrauen wecken könnte, nach dem Motto:
„Moment Mal….dieser Kirschsaft…das wird doch wohl kein Blut sein?“ oder aber „Diese Waldmeister-Cognac-Bowle schmeckt deliziös, doch erinnert mich das ein wenig an Zyklopenschleim.“
Wenn die Leute so etwas sagen, hat man schon ne halbe Halloweenparty und schon kann man das ganze vergessen, mit Anti-Halloween-Partys ein Häufchen Schotter zu verdienen, denn dann verlassen die Unverkleideten die Örtlichkeit mit dem Hinweis:“Ich bin hier hergekommen um mich nicht zu gruseln und ich wurde maßlos enttäuscht!“
Kürbisse müssen auf einer Anti-Halloween-Party natürlich auch fehlen, auf selbiger muss dann auch hingebungsvoll diskutiert werden, warum um alles in der Welt man Kürbisse seziert, den Inhalt möglicherweise wegkippt, nur um dann eine alberne Fratze hineinzuschneiden, während in anderen Ländern Menschen tagelang nichts zu essen bekommen.
Dies ist dann der Auftritt von Sergio, der sich in einem Yetikostüm auf die Anti-Halloween-Party verlaufen hat, weil er denn Eingang verwechselt hat bei all dem Schweiss, der ihm unter seinem Yetikostüm in die Augen gelaufen ist und er entgegnet in die unkostümierte Runde:
„Ob die Kürbisse aufgeschnitten werden oder nicht, in Afrika verhungert dadurch wohl nicht ein Kind weniger!“
Dann gucken ihn alle etwas verdutzt an und an diesem Punkt befindet sich die Anti-Halloween-Party auf dem absoluten Höhepunkt.
Aber ob Anti oder nicht, das Geisterfest wird sich auf Dauer vermutlich sowieso nicht durchsetzen können.
Schon an Karneval ist es schwer, fröhliche Laune mit einem Knopfdruck zu produzieren oder sie sich morgens mit dem Frühstücksmüsli einzuverleiben; fällt einem ein Baumstamm aufs Auto, ist das Nutella schimmlig oder stirbt der Lieblingshamster, dann kann Karneval Karneval sein, doch sorgloser Spass lässt sich dann nur noch schwer erzeugen.
Aber gut, man hört davon, mit der richtigen Menge Alkohol wird so ziemlich alles witzig und so besteht immer noch die Möglichkeit, sich die Pappnasenversammlung im ersten Quartal des Jahres zumindest lustig zu gurgeln.
Und gerade das kann mit Halloween nicht klappen, schließlich ist mir kein Getränk bekannt, mit dem man sich eine langweilige Party gruselig süffeln kann.
Vielleicht braucht man dafür ja LSD, aber das ist jetzt ein anderes Thema.
Sowieso und überhaupt ist der aufgesetzte Horror um den 1. November herum ja gar nichts gegen die subtile Angst, die einen während mancher Fernsehveranstaltung überfallen kann, wenn man mal einen Moment nicht aufpasst.
So zum Beispiel am 1. November im Vorabendprogramm auf RTL.
Manch einer – aber zum Glück nicht alle – kennen vielleicht die Serie „Die Autoverkäufer“, in denen die Kölner Jörg und Dragan ahnungslosen Hausfrauen überteuerte Gebrauchtwagen unter den Rock schieben.
Bei RTL sah man sich aufgrund des wohl weltweiten Erfolges der Serie dazu verpflichtet, ein Special über die beiden Vögel zu drehen, wie sie nach Polen reisen.
Wer bei der Vorschau der Sendung noch nicht wegezappt oder den Fernseher komplett zerstört hat, hatte entweder eine Kürbisvergiftung oder muss Wochenrückblicke schreiben.
Für die, die das Spektakel verpasst haben, lasst es Euch gesagt sein: Euch ist ein wahres Feuerwerk entgangen.
Jörg, Dragan und der Lehrling Michael – der immer nur mit „Micha“ angesprochen wurde, mehr als zwei Silben verursachten bei den Autoverkäufern wohl Kopfschmerzen – erlebten in einer Woche Polen mehr als mancher Buddhist in seinem ganzen Leben zusätzlich zweier Wiedergeburten:
Mercedes geklaut, Falschgeld angedreht bekommen, mit Falschgeld in ner Kneipe bezahlt, in den Knast gekommen (genau: wegen Falschgeld), einen Unfall gebaut, dem Unfallgegner das Auto abgekauft, ein Auto abgefackelt, den geklauten Mercedes in Einzelteilen auf nem polnischen Automarkt wieder gefunden, man sieht schon, das alles wirkt recht authentisch, zumal der Kameramann nicht mit in den Knast musste, der durfte ausserhalb der Gitterstäbe fröhlich weiterfilmen.
Jörg und Dragan sind natürlich nicht aus lauter Jux und Dollerei nach Polen gedüst, sondern um Tante Marthas Mann zu helfen, der einen Unfall hatte und nun jemanden braucht, der seinen Autohof weiter führt.
Dort trug sie sich dann auch zu, jene legendäre Unterredung, die in die Annalen der RTL-Dialoge einging und fortan auf einer einsamen Insel erzählerischer Glückseligkeit überwintern darf:
„Ey Micha, mach ma die Preise von allen Autos 30 % rauf!“
„Ja wie jetzt, also doppelt so teuer?“
„Ne, du Vollspacken, datt wären ja dann 50 %!“
Um Gottes Willen, nur drei Gründe sind mir eingefallen, warum der Kölsche Fernsehsender dies auch wirklich exakt so ausgestrahlt hat:
- Bei RTL hat man kaum Zeit, dreht die Sendungen runter und schmeisst dann alles fix in den Schneideraum, wo ein armer, blinder und tauber Praktikant mit einer Schere und einigen Rollen Tesafilm herumhockt.
- RTL hat den dezenten Rechenfehler bemerkt, der zuständige Regisseur tat aber alles mit einem „da soll der Herr Pisa sich mal schön drum kümmern“ lässig ab.
- Jörg und Dragan sind wahre Rechenkünstler und haben die Aufgabe auch zunächst gelöst. Doch irgendein Knilch bei RTL mit einem subtilen Sinn fürs humoristische war der Meinung, dass das eine gute Stelle für einen proletarischen Witz sondergleichen wäre und der beim staunenden Publikum bestimmt klasse ankommt.
Gruselig, nicht wahr?
Als letztes noch der Werwolf. Ein bellendes Geschöpf der Nacht, welches bei Vollmond ein kleines bisschen aus der Haut fährt und seine Fressgewohnheiten einen Hauch Richtung Mensch verschiebt.
Ist jetzt Vollmond?
Diese Woche begann nämlich der Prozess um den mutmaßlichen Mörder von Rudolph Mooshammer und die BILD sah sich in der Pflicht, die vollkommen rhetorische Frage zum Prozessauftakt zu stellen:
„Stürzt sich Daisy auf Mosis Mörder?“
Aber sicher doch, dieser kleine, scherbenbellende Teppichporsche, der eben noch in eine kleine Herrenhandtasche passte, wird plötzlich zur geifernden Bestie, stürzt sich auf des Irakers Halsschlagader und beißt sie durch….mit 3 Millimeter langen Zähnchen….wenn der Iraker denn stillhält….und der anwesende Richter Daisy ein paar Stündchen Zeit gibt.
Wir wollen hier auch nicht die Biologiekentnisse führender BILD Journalisten anzweifeln, aber wie fein muss ein Hundenäschen sein, wenn es nach Monaten einen Killer erschnüffeln und überführen soll und selbst wenn dies der Fall ist, was dann?
Sagt der Richter dann: “Zeugin Daisy? Soll ich für Sie einen Ball in den Zeugenstand schmeissen?“
Und Daisy sagt:“Wuff!“
„Sie erkennen den Angeklagten also wieder?“
„Wuff!“
„Na dann ist der Fall ja klar, allseits einen schönen Feierabend!“
So dürfte es vermutlich nicht laufen…und auch Mathilde und Horst waren wohl auf keiner Halloweenparty, ob Anti oder nicht. Sie saßen zu Hause, haben gesehen, wie Franz Müntefering zurückgetreten ist und Edmund Stoiber wenige Stunden später folgte.
Und nun frage man sich: Wer braucht bei so viel alltäglichem Horror eigentlich noch grausige Kostüme und Partys mit Zyklopenschleim?
Eben und nächste Woche verrate ich Euch einen Trick, wie man Leberwurst-Flecken aus Hemden herausbekommt. Bringt dazu eine Heckenschere und ein paar Pflaster mit.
Schöne Woche!


7 Comments:
Ein ganz normaler Freitag: Schule (mit Latein, kurz vorm Selbstmord), dann ab nach Hause, und den Wochenrückblick gelesen. Tag (stimmungsmäßig) gerettet.
Wie ordentliche Arbeit Penny! Weiter so.
cya Patrick
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hehe, das werden ja jetzt schon richtig lange Rezensionen, thx Pat :)
Doch, sehr unterhaltsam.
Berhalte das mit den Fotos der Zähne fletschenden Kuscheltiere bei ! Und denk an Euern Werbebanner. Gruß, der Magnus
hey Magnus :winke:
ich meld mich noch bei Dir :)
Schöne Seite, schöner Wochenrückblick... Hab alles breit grinsend gelesen, macht Spaß die Dinge mal so zu betrachten, wenn alles eigentlich so traurig ist ;-)
Bin auch kein Halloween-Fan, hab es dieses Jahr trotzdem mal wieder geschafft, mich sogar ganze sechs Tage zu gruseln, größtenteils gerade weil die Leute nicht verkleidet waren und man genau sehen konnte, wer sich gerade am Hintern zu schaffen macht... Und trotzdem (oder deshalb;-)) werde ich nächstes Jahr wieder sechs Tage lang Anti-Halloween-Partys feiern, Tag für Tag und immer wieder! Und würde mir wünschen, dass Mr. Pennywise auch wieder da ist!
Hüpfende Grüße vom Caroguruh
hey, Caroguruh, eine sehr nette Kritik ;)
Wir hüpfen zusammen über die nächste Party, ist doch klar :)
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