Pennys Wochenrückblick Folge 78: Das Weihnachtsmarytrium vom kleinen Max!
Hier haben wir es also schwarz auf zitronengelb: Die zweite Weihnachtsgeschichte von Max. Wer die erste seinerzeit verpasst hat, der sollte vor der Lektüre dieses Textes nochmal hier drauf klicken:
KLICK!
und bis zum Punkt "Heiligabend, 2 Uhr Nachts" runterscrollen,
damit man einen Eindruck bekommt, wer Max ist, warum er so ist wie er ist und weshalb er ein dezentes Problem mit dem Weihnachtsfest an sich hat.
Der Rückblick für diese Woche erscheint übrigens Samstag, den 06.01.2007
Und nun viel Spass beim Lesen des etwas anderen Wochenrückblicks.
Ich heisse Max.
Hier erzähle ich von meinem Weihnachtsfest 2006.
Eigentlich fing alles gut an, bis das Universum mir die Faust ins Gesicht rammte.
Mum überraschte mich dabei, wie ich mit den Füssen kniehoch im Dreck stand und mit der Schaufel die Erde in ihrem Keller umgrub. Sie schaute ein Stück weit irritiert und macht Kapriolen mit ihren Augenbrauen, fing sich aber recht schnell und offenbarte mir, dass wir dieses Jahr über Weihnachten auf die Alm fahren, in eine Berghütte.
Eine Berghütte.
Vor Freude schmiss ich die Schüppe in die Ecke, drehte mich grinsend im Kreis und ließ mir von meiner Mum aus dem Loch helfen. Ich hetzte nach oben, ihre aufgeregten Schreie den Lehm an meinen Schuhen betreffend ignorierend, um im meinem Zimmer die Sachen zu packen. Wie aufgeregte Spatzen flogen die Wintersocken, die Skimütze, der Anorak, die Gummistiefel, ein Ventilator (für die Sauna), noch mehr Wintersocken und ein Snowboard durch die Luft und in meine Tasche rein. Aufgeregte Einwände seitens meiner Erzeugerin, dass das Snowboard nicht in die Tasche passt, ignorierte ich in all meiner Aufbruchfreude.
Sollte dies das erste Weihnachten sein, das ich in Frieden erleben darf? Ohne zerscheuerte Mundwinkel? Ohne noch mehr Haare zu verlieren? Ohne den Gedanken, dass Massenmord eine durchaus vernünftige Lösung für gewisse Probleme darstellt? Ich sollte mich so irren.
Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Weil meine Mutter so nervös war. Weil mein Vater unbedingt wollte, dass im Auto viel Platz bleibt, die Größe von 3 nebeneinander gestapelten Umzugskartons. Es war noch dunkel, es war drei Uhr morgens, ich war noch müde und wehren konnte ich mich nicht. Hätte ich je geahnt, dass meine Eltern mit einer derart kalten Berechnung durchs Leben laufen, ich hätte mich strikt geweigert, den Geburtskanal durch den Vordereingang zu verlassen. Als ich gerade auf dem Weg war, mein Snowboard aufs Autodach schnallen wollte, fiel mir alles hin. Das Board. Mein Kinn. Mein Hirn. All meine inneren Organe machten einen Buckel und schrieen, sie schrieen „TOTALVERSAGEN!“
Meine brennenden Augen konnten kaum glauben, was sie da auf der Eingangstreppe erblickten.
Beziehungsweise WEN sie erblickten.
Tante Frieda.
Und sie hatte ihre Tuba mitgebracht.
Und Onkel Hubert.
Einen kurzen Schimmer der Hoffnung sirrte summend durch die Tiefen meiner Schädeldecke, Tante Frieda würde auf unsere Katze aufpassen, während ich mit meinen Eltern das erste Weihnachten seit Menschengedenken verbringe, an dem ich nicht ständig das Gefühl habe, mich durch meine Gehörgänge erbrechen zu müssen.
Doch dann fiel mir ein, dass wir gar keine Katze hatten und beim Anblick der Todes-Tuba fiel mir dann ein, warum mein Vater Platz im Kofferraum ließ.
Durch die schlitzigen Augen entdeckten ein Meter fünfzig Frieda mich, worauf sie ihre ein Meter achtzig Tuba Onkel Hubert in die Arme schmiss und auf mich zueilte, wendig und zügig wie immer.
„Mäxchen!“, keifte sie.
„Määäääxchen, komm in meine Arme!“ und es wurd mir schwarz, tiefschwarz vor Augen als ich mit ansehen musste, wie sie in ihre Krokodillederhandtasche nach etwas schlimmen griff.
Dann nur noch Dunkelheit und ein lauter Knall.
Nach Äönen wachte ich wieder auf. Meine Mundwinkel fühlten sich verseucht an und einige meiner Nasenhaare schienen weggeätzt zu sein. Hat sie es tatsächlich getan? Hat sie?
„ABER DA WAR EIN FLECK!“, schrie Tante Frieda meinen Vater an.
„Herrgott, Frieda, er will es doch nicht!“
„ABER DER FLECK MUSSTE WEG…SEIN GANZER MUND WAR VOLL!“
Ich zuckte unwillkürlich zusammen und nur ein Mitleid erregend schauender Onkel Hubert hielt mich davon ab, erneut ins Kurzzeitkoma zu fallen. Tante Frieda hatte tatsächlich ihr Taschentuch von 1457 aus der Tasche gezogen und mich malträtiert, während ich schon nicht mehr bei Bewusstsein war. Tante Friedas Speichelgestank vernebelte mir das Hirn und ich fragte mich betäubt, ob man sie nicht irgendwie mit den Genfer Menschenrechtskonventionen zur Rechenschaft ziehen könnte.
Tante Frieda versucht mir die Mundwinkel auszuradieren, seit ich Drei war. Es war ihre Obsession, ihre Bestimmung. Ständig sah sie andere Dinge an meiner Kauluke und eigentlich spielte es keine Rolle, ob es Knäckebrot, Apfelreste oder Lippenstift war, der – Fleck – muss – weg.
Ob Tante Frieda ein aus der Hölle entflohener Putzteufel war, war die erste Frage, die ich mir schon zu meiner Einschulung stellte, noch vor der Frage, warum man einem harmlos schauenden Bären einen so bescheuerten Namen wie „Umi“ verpasste.
Die Fahrt auf die Alm war der blanke Horror. Eingeklemmt zwischen dem stoischen stillen Onkel Hubert und der irren Tante Frieda. Mein Mund brannte wie ein loderndes Lagerfeuer und meine Mutter konnte mich nur überzeugen einzusteigen, nachdem Tempo-Frieda ihre Taschen geleert hatte. Wer nun denkt, dass ich eine geruhsamere Fahrt verbringen konnte, darf sich gern getäuscht sehen. Denn auch, wenn die Todes-Tuba im Kofferraum eingesperrt war und während der Fahrt nicht raus kam, ließ meine liebe Tante meinem Vater eine selbstbespielte Kassette mit den besten Polka-Ufftata-Hits zukommen, inklusive kratzig-knarzigem 1.1 Sound und nur unterbrochen von einem flehenden Onkel Hubert, der sie auf der Kassette bat, aufzuhören und dass das keinen interessiert.
Ich konnte Frieda genau sehen, wenn ich die Augen schloss, sie nahm einen Locher oder einen Aschenbecher und zielte und….na ja, das Pflaster auf Onkel Huberts Kopf sprach Bände. Zum Glück hatte ich meinen Walkman dabei, so konnte ich das Getröte ignorieren und ein bisschen schlafen. Allerdings konnte man vom richtigen Schlaf kaum sprechen, ich war wie ein Soldat im Einsatz darauf gefasst, dass der Feind brutal zuschlagen konnte. Schließlich hatte Tante Friedas karierter Kratzmantel auch noch Innentaschen…
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich die Fahrt überstanden habe, aber irgendwie muss ich es geschafft haben. Doch schrecklich war die Zeit. Selbst auf dem Rastplatz war sich Tante Frieda nicht zu fein, ein Höllenfeuer zu entfachen. Meine Mutter hatte die an sich nicht schlechte Idee, hart gekochte Eier in Alufolie für die Pausen einzupacken, eine nette Geste an sich und eigentlich folgenlos, wenn man mit normalen Menschen verreist. Nicht so bei Tante Frieda:
„Brigitte, wo ist denn das Salz?“
Sie hatte ihre Schwester auf dem falschen Fuß erwischt, das konnte man schon klar am Tonfall raushören.
„Das…äh…wie?“
„Salz, Brigitte. Für das Ei. Du weißt schon, man streut Salz auf Eier, wenn man sie isst. Zumindest bin ich so aufgewachsen. Also gib mir den Streuer, damit wir weiter können. Dieser Rastplatz mit all den LKW’s macht mich ganz krank.“
Das stumme Öööööööhm meiner Mutter, dieses Darbieten der Halsschlagader, dieses sinnlose Aufgeben machte mich fast wahnsinnig. Wie immer in solchen Momenten musste mein Vater einschreiten.
„Frieda, Brigitte hat das Salz wohl zu Hause verg…!“
Na, ihr könnt Euch vorstellen was dann los war. Einem schlimmen Vorwurfs-Stakkatto von Tante Frieda in Richtung meiner geplagten Mutter folgte der stapfende Gang ins Rastplatz-Restaurant, wo jeder andere normale Mensch bestimmt einen Salzstreuer bekommen hätte, wenn er nicht gerade Tante Frieda heißt, mit einem Alu-Ei in der Hand die Tür aufdonnert und „Wo in diesem beschissenen Saftladen bekomm ich hier ne Prise Salz?“ brüllt. Schon nach wenigen Minuten kam sie zurück, das Ei unbestreut, der Kragen ein bisschen ungeordnet.
„Eine Frechheit, eine FRECHHEIT! Uwe, gib mir mal die Tuba aus dem Kofferraum, denen werd ich’s schon…“
Da hab ich mir wieder meinen Walkman auf die Ohren gepackt. Es gab noch einen unschönen Zwischenfall, als der Koch aus dem Restaurant auch nach der Tuba-Interpretation von „We Will Rock You“ das gewünschte Gewürz nicht rausrücken wollte. Häufig fragte ich mich, warum man in solchen Momenten Tante Frieda nicht einfach aussetzt und wegfährt, weit, weit weg.
Ich sag’s Euch: Tante Frieda findet Euch überall. Ihre Taschentücher riechen nach Eurem Mundwinkel und wenn sie Euch findet, dann schrubbt sie Euch alle fünf Sinne weg, bevor ihr auch nur in der Lage seid, bei Kofi Annan anzurufen. Deswegen: Aussetzen ist nicht, ertragen muss man es.
Vielleicht hilft es, Tante Frieda zu verstehen, wenn man mehr von ihr weiß….Auch wenn ich das beim besten Willen nicht glaube, es gibt nämlich nichts Positives zu berichten, wenn ich länger drüber nachdenke. Den rot-lila karierten Mantel trägt sie schon seit der französischen Revolution. Ich bin überzeugt, wenn sie sich abends in ihr Schlafgewand schmeißt, stellt sie vorher den Mantel in die Ecke. Aufhängen unnötig. Das Ding steht wie ein verschämter Schüler in der Ecke, bis er wieder benutzt wird. Sie trägt ihn auch im Sommer. Vielleicht findet sie ihn toll, weil er viele Taschen hat…und da kann man Tücher….aber ich will nicht zuviel darüber nachdenken. Durch ihre hornige Brille kann sie – das ist meine Überzeugung – nur bis zur ihrer Nase und keinen Nanometer weiter gucken. Trotzdem gelingt es ihr, unschuldige Menschen punktgenau anzuvisieren und zu traktieren mit Beschimpfungen und Taschentüchern. Onkel Hubert dagegen, der sagt nichts. Weil er mit den Jahren gelernt hat, dass tief fliegende Aschenbecher das Leben nicht einfacher machen. Und schon gar nicht, wenn man nach dem Volltreffer auf Stirnhöhe auch noch die Asche wegsaugen darf.
Nun, die Hütte war geschmackvoll und ich hatte mein eigenes Zimmer. Ich konnte es sogar abschließen, auch wenn ich wusste, dass Tante Frieda über verschlossene Türen nur müde lächelt. Zum Glück war schon am nächsten Tag Heiligabend. Mit Speichelgeruch in der Nase flüchtete ich aus der Welt der Wachen.
24 Stunden später befand ich mich in der Hölle.
Ein hektischer Blick aus dem Fenster zeigte mir: es gibt keinen Fluchtweg. Vor mir erstreckte sich der Berg zu allen Seiten steil nach unten, ich könnte auf dem Snowboard flüchten, aber wie weit würde ich wohl kommen, wenn Tante Frieda sich auf ihre frischpolierte Tuba…vermutlich keine sieben Meter.
Meine Mutter lag ohnmächtig in der Küche, mein Vater kauerte weinend in einer Ecke der Blockhütte und Onkel Hubert? Der saß stoisch im Ohrensessel und verfolgte mit erstaunlicher Ruhe die Szenerie. Eigentlich hätte ich es erkennen und mich darauf vorbereiten müssen. Das verdammte Geschenk passte einfach nicht unter den Baum, wie auch. So was hält aber Tante Frieda nicht ab, kommt der Prophet nicht zum Berg undsoweiter. Also wurde es runter gequetscht, der Weihnachtsbaum mit all seinem Lametta wurde brutal zurückgedrängt, weil Tante Frieda ihr Riesenpaket unbedingt unter der Tanne installieren musste.
Beim Essen war noch alles normal. Tante Frieda aß nicht, sie fraß auch nicht. Sie verschlang.
Schon als kleines Kind hatte ich die irrationale Angst, dass Tante Frieda eines Tages einen Kontinent aufessen würde, wenn sie mit normaler Nahrung nicht mehr satt zu kriegen sein würde. Vermutlich würde sie mit Australien anfangen, so als Art Vorsuppe. Aber wie gesagt, das war ich gewohnt. Auch Onkel Huberts leicht an den schiefen Turm von Pisa angelehnte schräge Körperhaltung hatte sich über die Jahre eingespielt und lag nur in der völlig vernünftigen Sorge begründet, dass einer der umherflitzenden Hühnerknochen aus Tante Friedas Hand seinen Kopf durchbohren könnte. Da sollte man keine Witze drüber machen, mein Vater hat mal einen ganzen Nachmittag damit verbracht, eine von Frida verzehrte Schwarzwurzel wieder aus der Wand zu ziehen. Mit einer Zange. Natürlich könnte man ihr auch nur leicht verdauliche Puddingspeisen kredenzen, aber bei diesem Vorschlag hob meine Mutter immer mahnend den Zeigefinger:
„Dann isst sie den Hubert auf, ich schwör’s euch!“
So sahen wir die toten Tiere bei unseren Familienessen immer mit einer Mischung aus Erleichterung und Mitleid an, gefolgt von dem wenig christlichen Gedanken:
Besser du als wir.
Nach dem Essen und nach der immer wiederkehrenden Anspielungen von Tante Frieda, dass sie es eigentlich kaum fassen könne, dass es in dieser Almblockhütte tatsächlich und wirklich einen Salzstreuer gab, was meine Mutter sehr mitnahm, sollte das Grauen seinen Lauf nehmen.
Ich musste mein Geschenk zuletzt auspacken, alles um mich herum war schon fertig, es gab das übliche Krawattengedöns, man kennt das ja.
Doch Tante Friedas von Putenhautfetzen bedeckte Zähne grinsten mich an.
„Jetzt Du, Mäxchen!“
Was würde es sein?
Etwa was Schönes?
Vielleicht ein eigenes Taschentuch? Eines, das nur nach mir riecht?
Aber dafür war das Geschenk zu groß…Ich zerrte es unter dem Baum hervor, zerriss das Papier und…
„Du hast mir eine….eine…eine Tuba geschenkt?“
Ihr Kopf nickte nur euphorisch.
„Eine…TUBA?“
„Ja, Mäxchen genau. Eine Azubi-Tuba. Sie ist kleiner als meine. Damit wir endlich zusammen spielen können. Vielleicht gehen wir mal auf Tournee.“
An die folgenden Ereignisse hab ich leider keine rechten Erinnerungen. Ich meine mich an unglaubliches Gegacker meinerseits erinnern zu können, gefolgt von einem nicht enden wollenden Brechreiz, dem ich auch direkt nachgab. Habe ich wirklich den noch nicht ganz verdauten Weihnachtspunsch in das Geschenk meiner Tante…? Hab ich? Dann hab ich im Rausch der Gefühle irgendetwas gesagt, das so ääähnlich klang wie:
“Wenn die Hölle zufriert, wenn die apokalyptischen Reiter über die Kontinente galoppieren, wenn Schweine das Sprechen lernen, wenn all dies passiert, selbst dann werde ich noch Jahrmillionen davon entfernt sein, gemeinsam mit Dir einen Song auf diesem Folterinstrument zu spielen.“
So ähnlich hab ich’s wohl gesagt. Tante Friedas Mundwinkel zuckten nur kurz und dann….ging es los:
Wie gesagt, meine Mutter ist ohnmächtig, Onkel Hubert nicht stoisch, sondern vielleicht schon nicht mehr unter uns, mein Vater wird vielleicht nie mehr aufhören zu weinen auf diesem Berg auf der Alm. Und ich hocke in meinem Zimmer, während die Tuba an die Tür klopft, leise und rhythmisch und Tante Friedas Stimme durch das dunkle Holz ertönt.
„Mäxchen, mach auf. Wir spielen jetzt OH DU FRÖHLICHE…...AUF DEINER NEUEN TUBA!“
Und ich wünsche mir nur, dass ich doch eher angefangen hätte, den Tante Frieda Fluchttunnel zu graben. Nicht erst am 2. Dezember. Was soll man mit einem Tunnel, der keine siebeneinhalb Meter lang war? Würde es überhaupt jemals einen Tunnel geben, der Zuflucht verschafft vor dieser Person? Mein Weihnachtswunsch für’s nächste Jahr. Und jetzt wäre es nett, wenn jemand das FBI ruft.
KLICK!
und bis zum Punkt "Heiligabend, 2 Uhr Nachts" runterscrollen,
damit man einen Eindruck bekommt, wer Max ist, warum er so ist wie er ist und weshalb er ein dezentes Problem mit dem Weihnachtsfest an sich hat.
Der Rückblick für diese Woche erscheint übrigens Samstag, den 06.01.2007
Und nun viel Spass beim Lesen des etwas anderen Wochenrückblicks.
Ich heisse Max.
Hier erzähle ich von meinem Weihnachtsfest 2006.
Eigentlich fing alles gut an, bis das Universum mir die Faust ins Gesicht rammte.
Mum überraschte mich dabei, wie ich mit den Füssen kniehoch im Dreck stand und mit der Schaufel die Erde in ihrem Keller umgrub. Sie schaute ein Stück weit irritiert und macht Kapriolen mit ihren Augenbrauen, fing sich aber recht schnell und offenbarte mir, dass wir dieses Jahr über Weihnachten auf die Alm fahren, in eine Berghütte.
Eine Berghütte.
Vor Freude schmiss ich die Schüppe in die Ecke, drehte mich grinsend im Kreis und ließ mir von meiner Mum aus dem Loch helfen. Ich hetzte nach oben, ihre aufgeregten Schreie den Lehm an meinen Schuhen betreffend ignorierend, um im meinem Zimmer die Sachen zu packen. Wie aufgeregte Spatzen flogen die Wintersocken, die Skimütze, der Anorak, die Gummistiefel, ein Ventilator (für die Sauna), noch mehr Wintersocken und ein Snowboard durch die Luft und in meine Tasche rein. Aufgeregte Einwände seitens meiner Erzeugerin, dass das Snowboard nicht in die Tasche passt, ignorierte ich in all meiner Aufbruchfreude.
Sollte dies das erste Weihnachten sein, das ich in Frieden erleben darf? Ohne zerscheuerte Mundwinkel? Ohne noch mehr Haare zu verlieren? Ohne den Gedanken, dass Massenmord eine durchaus vernünftige Lösung für gewisse Probleme darstellt? Ich sollte mich so irren.
Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Weil meine Mutter so nervös war. Weil mein Vater unbedingt wollte, dass im Auto viel Platz bleibt, die Größe von 3 nebeneinander gestapelten Umzugskartons. Es war noch dunkel, es war drei Uhr morgens, ich war noch müde und wehren konnte ich mich nicht. Hätte ich je geahnt, dass meine Eltern mit einer derart kalten Berechnung durchs Leben laufen, ich hätte mich strikt geweigert, den Geburtskanal durch den Vordereingang zu verlassen. Als ich gerade auf dem Weg war, mein Snowboard aufs Autodach schnallen wollte, fiel mir alles hin. Das Board. Mein Kinn. Mein Hirn. All meine inneren Organe machten einen Buckel und schrieen, sie schrieen „TOTALVERSAGEN!“
Meine brennenden Augen konnten kaum glauben, was sie da auf der Eingangstreppe erblickten.
Beziehungsweise WEN sie erblickten.
Tante Frieda.
Und sie hatte ihre Tuba mitgebracht.
Und Onkel Hubert.
Einen kurzen Schimmer der Hoffnung sirrte summend durch die Tiefen meiner Schädeldecke, Tante Frieda würde auf unsere Katze aufpassen, während ich mit meinen Eltern das erste Weihnachten seit Menschengedenken verbringe, an dem ich nicht ständig das Gefühl habe, mich durch meine Gehörgänge erbrechen zu müssen.
Doch dann fiel mir ein, dass wir gar keine Katze hatten und beim Anblick der Todes-Tuba fiel mir dann ein, warum mein Vater Platz im Kofferraum ließ.
Durch die schlitzigen Augen entdeckten ein Meter fünfzig Frieda mich, worauf sie ihre ein Meter achtzig Tuba Onkel Hubert in die Arme schmiss und auf mich zueilte, wendig und zügig wie immer.
„Mäxchen!“, keifte sie.
„Määäääxchen, komm in meine Arme!“ und es wurd mir schwarz, tiefschwarz vor Augen als ich mit ansehen musste, wie sie in ihre Krokodillederhandtasche nach etwas schlimmen griff.
Dann nur noch Dunkelheit und ein lauter Knall.
Nach Äönen wachte ich wieder auf. Meine Mundwinkel fühlten sich verseucht an und einige meiner Nasenhaare schienen weggeätzt zu sein. Hat sie es tatsächlich getan? Hat sie?
„ABER DA WAR EIN FLECK!“, schrie Tante Frieda meinen Vater an.
„Herrgott, Frieda, er will es doch nicht!“
„ABER DER FLECK MUSSTE WEG…SEIN GANZER MUND WAR VOLL!“
Ich zuckte unwillkürlich zusammen und nur ein Mitleid erregend schauender Onkel Hubert hielt mich davon ab, erneut ins Kurzzeitkoma zu fallen. Tante Frieda hatte tatsächlich ihr Taschentuch von 1457 aus der Tasche gezogen und mich malträtiert, während ich schon nicht mehr bei Bewusstsein war. Tante Friedas Speichelgestank vernebelte mir das Hirn und ich fragte mich betäubt, ob man sie nicht irgendwie mit den Genfer Menschenrechtskonventionen zur Rechenschaft ziehen könnte.
Tante Frieda versucht mir die Mundwinkel auszuradieren, seit ich Drei war. Es war ihre Obsession, ihre Bestimmung. Ständig sah sie andere Dinge an meiner Kauluke und eigentlich spielte es keine Rolle, ob es Knäckebrot, Apfelreste oder Lippenstift war, der – Fleck – muss – weg.
Ob Tante Frieda ein aus der Hölle entflohener Putzteufel war, war die erste Frage, die ich mir schon zu meiner Einschulung stellte, noch vor der Frage, warum man einem harmlos schauenden Bären einen so bescheuerten Namen wie „Umi“ verpasste.
Die Fahrt auf die Alm war der blanke Horror. Eingeklemmt zwischen dem stoischen stillen Onkel Hubert und der irren Tante Frieda. Mein Mund brannte wie ein loderndes Lagerfeuer und meine Mutter konnte mich nur überzeugen einzusteigen, nachdem Tempo-Frieda ihre Taschen geleert hatte. Wer nun denkt, dass ich eine geruhsamere Fahrt verbringen konnte, darf sich gern getäuscht sehen. Denn auch, wenn die Todes-Tuba im Kofferraum eingesperrt war und während der Fahrt nicht raus kam, ließ meine liebe Tante meinem Vater eine selbstbespielte Kassette mit den besten Polka-Ufftata-Hits zukommen, inklusive kratzig-knarzigem 1.1 Sound und nur unterbrochen von einem flehenden Onkel Hubert, der sie auf der Kassette bat, aufzuhören und dass das keinen interessiert.
Ich konnte Frieda genau sehen, wenn ich die Augen schloss, sie nahm einen Locher oder einen Aschenbecher und zielte und….na ja, das Pflaster auf Onkel Huberts Kopf sprach Bände. Zum Glück hatte ich meinen Walkman dabei, so konnte ich das Getröte ignorieren und ein bisschen schlafen. Allerdings konnte man vom richtigen Schlaf kaum sprechen, ich war wie ein Soldat im Einsatz darauf gefasst, dass der Feind brutal zuschlagen konnte. Schließlich hatte Tante Friedas karierter Kratzmantel auch noch Innentaschen…
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich die Fahrt überstanden habe, aber irgendwie muss ich es geschafft haben. Doch schrecklich war die Zeit. Selbst auf dem Rastplatz war sich Tante Frieda nicht zu fein, ein Höllenfeuer zu entfachen. Meine Mutter hatte die an sich nicht schlechte Idee, hart gekochte Eier in Alufolie für die Pausen einzupacken, eine nette Geste an sich und eigentlich folgenlos, wenn man mit normalen Menschen verreist. Nicht so bei Tante Frieda:
„Brigitte, wo ist denn das Salz?“
Sie hatte ihre Schwester auf dem falschen Fuß erwischt, das konnte man schon klar am Tonfall raushören.
„Das…äh…wie?“
„Salz, Brigitte. Für das Ei. Du weißt schon, man streut Salz auf Eier, wenn man sie isst. Zumindest bin ich so aufgewachsen. Also gib mir den Streuer, damit wir weiter können. Dieser Rastplatz mit all den LKW’s macht mich ganz krank.“
Das stumme Öööööööhm meiner Mutter, dieses Darbieten der Halsschlagader, dieses sinnlose Aufgeben machte mich fast wahnsinnig. Wie immer in solchen Momenten musste mein Vater einschreiten.
„Frieda, Brigitte hat das Salz wohl zu Hause verg…!“
Na, ihr könnt Euch vorstellen was dann los war. Einem schlimmen Vorwurfs-Stakkatto von Tante Frieda in Richtung meiner geplagten Mutter folgte der stapfende Gang ins Rastplatz-Restaurant, wo jeder andere normale Mensch bestimmt einen Salzstreuer bekommen hätte, wenn er nicht gerade Tante Frieda heißt, mit einem Alu-Ei in der Hand die Tür aufdonnert und „Wo in diesem beschissenen Saftladen bekomm ich hier ne Prise Salz?“ brüllt. Schon nach wenigen Minuten kam sie zurück, das Ei unbestreut, der Kragen ein bisschen ungeordnet.
„Eine Frechheit, eine FRECHHEIT! Uwe, gib mir mal die Tuba aus dem Kofferraum, denen werd ich’s schon…“
Da hab ich mir wieder meinen Walkman auf die Ohren gepackt. Es gab noch einen unschönen Zwischenfall, als der Koch aus dem Restaurant auch nach der Tuba-Interpretation von „We Will Rock You“ das gewünschte Gewürz nicht rausrücken wollte. Häufig fragte ich mich, warum man in solchen Momenten Tante Frieda nicht einfach aussetzt und wegfährt, weit, weit weg.
Ich sag’s Euch: Tante Frieda findet Euch überall. Ihre Taschentücher riechen nach Eurem Mundwinkel und wenn sie Euch findet, dann schrubbt sie Euch alle fünf Sinne weg, bevor ihr auch nur in der Lage seid, bei Kofi Annan anzurufen. Deswegen: Aussetzen ist nicht, ertragen muss man es.
Vielleicht hilft es, Tante Frieda zu verstehen, wenn man mehr von ihr weiß….Auch wenn ich das beim besten Willen nicht glaube, es gibt nämlich nichts Positives zu berichten, wenn ich länger drüber nachdenke. Den rot-lila karierten Mantel trägt sie schon seit der französischen Revolution. Ich bin überzeugt, wenn sie sich abends in ihr Schlafgewand schmeißt, stellt sie vorher den Mantel in die Ecke. Aufhängen unnötig. Das Ding steht wie ein verschämter Schüler in der Ecke, bis er wieder benutzt wird. Sie trägt ihn auch im Sommer. Vielleicht findet sie ihn toll, weil er viele Taschen hat…und da kann man Tücher….aber ich will nicht zuviel darüber nachdenken. Durch ihre hornige Brille kann sie – das ist meine Überzeugung – nur bis zur ihrer Nase und keinen Nanometer weiter gucken. Trotzdem gelingt es ihr, unschuldige Menschen punktgenau anzuvisieren und zu traktieren mit Beschimpfungen und Taschentüchern. Onkel Hubert dagegen, der sagt nichts. Weil er mit den Jahren gelernt hat, dass tief fliegende Aschenbecher das Leben nicht einfacher machen. Und schon gar nicht, wenn man nach dem Volltreffer auf Stirnhöhe auch noch die Asche wegsaugen darf.
Nun, die Hütte war geschmackvoll und ich hatte mein eigenes Zimmer. Ich konnte es sogar abschließen, auch wenn ich wusste, dass Tante Frieda über verschlossene Türen nur müde lächelt. Zum Glück war schon am nächsten Tag Heiligabend. Mit Speichelgeruch in der Nase flüchtete ich aus der Welt der Wachen.
24 Stunden später befand ich mich in der Hölle.
Ein hektischer Blick aus dem Fenster zeigte mir: es gibt keinen Fluchtweg. Vor mir erstreckte sich der Berg zu allen Seiten steil nach unten, ich könnte auf dem Snowboard flüchten, aber wie weit würde ich wohl kommen, wenn Tante Frieda sich auf ihre frischpolierte Tuba…vermutlich keine sieben Meter.
Meine Mutter lag ohnmächtig in der Küche, mein Vater kauerte weinend in einer Ecke der Blockhütte und Onkel Hubert? Der saß stoisch im Ohrensessel und verfolgte mit erstaunlicher Ruhe die Szenerie. Eigentlich hätte ich es erkennen und mich darauf vorbereiten müssen. Das verdammte Geschenk passte einfach nicht unter den Baum, wie auch. So was hält aber Tante Frieda nicht ab, kommt der Prophet nicht zum Berg undsoweiter. Also wurde es runter gequetscht, der Weihnachtsbaum mit all seinem Lametta wurde brutal zurückgedrängt, weil Tante Frieda ihr Riesenpaket unbedingt unter der Tanne installieren musste.
Beim Essen war noch alles normal. Tante Frieda aß nicht, sie fraß auch nicht. Sie verschlang.
Schon als kleines Kind hatte ich die irrationale Angst, dass Tante Frieda eines Tages einen Kontinent aufessen würde, wenn sie mit normaler Nahrung nicht mehr satt zu kriegen sein würde. Vermutlich würde sie mit Australien anfangen, so als Art Vorsuppe. Aber wie gesagt, das war ich gewohnt. Auch Onkel Huberts leicht an den schiefen Turm von Pisa angelehnte schräge Körperhaltung hatte sich über die Jahre eingespielt und lag nur in der völlig vernünftigen Sorge begründet, dass einer der umherflitzenden Hühnerknochen aus Tante Friedas Hand seinen Kopf durchbohren könnte. Da sollte man keine Witze drüber machen, mein Vater hat mal einen ganzen Nachmittag damit verbracht, eine von Frida verzehrte Schwarzwurzel wieder aus der Wand zu ziehen. Mit einer Zange. Natürlich könnte man ihr auch nur leicht verdauliche Puddingspeisen kredenzen, aber bei diesem Vorschlag hob meine Mutter immer mahnend den Zeigefinger:
„Dann isst sie den Hubert auf, ich schwör’s euch!“
So sahen wir die toten Tiere bei unseren Familienessen immer mit einer Mischung aus Erleichterung und Mitleid an, gefolgt von dem wenig christlichen Gedanken:
Besser du als wir.
Nach dem Essen und nach der immer wiederkehrenden Anspielungen von Tante Frieda, dass sie es eigentlich kaum fassen könne, dass es in dieser Almblockhütte tatsächlich und wirklich einen Salzstreuer gab, was meine Mutter sehr mitnahm, sollte das Grauen seinen Lauf nehmen.
Ich musste mein Geschenk zuletzt auspacken, alles um mich herum war schon fertig, es gab das übliche Krawattengedöns, man kennt das ja.
Doch Tante Friedas von Putenhautfetzen bedeckte Zähne grinsten mich an.
„Jetzt Du, Mäxchen!“
Was würde es sein?
Etwa was Schönes?
Vielleicht ein eigenes Taschentuch? Eines, das nur nach mir riecht?
Aber dafür war das Geschenk zu groß…Ich zerrte es unter dem Baum hervor, zerriss das Papier und…
„Du hast mir eine….eine…eine Tuba geschenkt?“
Ihr Kopf nickte nur euphorisch.
„Eine…TUBA?“
„Ja, Mäxchen genau. Eine Azubi-Tuba. Sie ist kleiner als meine. Damit wir endlich zusammen spielen können. Vielleicht gehen wir mal auf Tournee.“
An die folgenden Ereignisse hab ich leider keine rechten Erinnerungen. Ich meine mich an unglaubliches Gegacker meinerseits erinnern zu können, gefolgt von einem nicht enden wollenden Brechreiz, dem ich auch direkt nachgab. Habe ich wirklich den noch nicht ganz verdauten Weihnachtspunsch in das Geschenk meiner Tante…? Hab ich? Dann hab ich im Rausch der Gefühle irgendetwas gesagt, das so ääähnlich klang wie:
“Wenn die Hölle zufriert, wenn die apokalyptischen Reiter über die Kontinente galoppieren, wenn Schweine das Sprechen lernen, wenn all dies passiert, selbst dann werde ich noch Jahrmillionen davon entfernt sein, gemeinsam mit Dir einen Song auf diesem Folterinstrument zu spielen.“
So ähnlich hab ich’s wohl gesagt. Tante Friedas Mundwinkel zuckten nur kurz und dann….ging es los:
Wie gesagt, meine Mutter ist ohnmächtig, Onkel Hubert nicht stoisch, sondern vielleicht schon nicht mehr unter uns, mein Vater wird vielleicht nie mehr aufhören zu weinen auf diesem Berg auf der Alm. Und ich hocke in meinem Zimmer, während die Tuba an die Tür klopft, leise und rhythmisch und Tante Friedas Stimme durch das dunkle Holz ertönt.
„Mäxchen, mach auf. Wir spielen jetzt OH DU FRÖHLICHE…...AUF DEINER NEUEN TUBA!“
Und ich wünsche mir nur, dass ich doch eher angefangen hätte, den Tante Frieda Fluchttunnel zu graben. Nicht erst am 2. Dezember. Was soll man mit einem Tunnel, der keine siebeneinhalb Meter lang war? Würde es überhaupt jemals einen Tunnel geben, der Zuflucht verschafft vor dieser Person? Mein Weihnachtswunsch für’s nächste Jahr. Und jetzt wäre es nett, wenn jemand das FBI ruft.


1 Comments:
Klasse, du solltest nen Buch veröffentlichen :D
Post a Comment
Subscribe to Post Comments [Atom]
<< Home