12.4.09

Pennys Wochenrückblick Folge 129: Taschentücher! Finanzkrise! Alles Gute zum Geburtstag




Der Wochenrückblick als Hörbuch-Version, für alle, die zu faul zum Lesen sind :)




Klar, dekadent ist es schon, sich mit nem 10er die Nase zu putzen und unhygienisch auch. Aber das Taschentuch ist 80 geworden und wenn man sich mit so was Altem die Nase putzt, ist das vermutlich auch nicht gesünder.





So, ich mach dann mal weiter.
Gab ja auch ein Jahr lang nicht viel zu berichten, es machen ja nach wie vor fast alle in Finanzkrise.
Wenn man da versucht, was Lockerfröhliches zu schreiben, kommen ja auch nicht Wenige aus ihren Betroffenheitsecken gehüpft und raunzen:

„Komm, Penny. Lass ma gut sein. Wir haben wirklich andere Sorgen im Moment!“

Was nun tun? Sich der Sorgen annehmen und was Lustiges über die Finanzkrise schreiben?


„Och nööö, Penny!“

Nö, denk auch ich mir. Die Vorstellung, wie die Besucher meiner Internetseite mit ihrem Schädel auf die Tastatur donnern, nur weil ich der 793. bin, der das Wort Abwrackprämie in einen minderwertig lustigen Kontext zu einem fiktiven Gespräch abgehalfterter Teilnehmer aus der Damenwelt bei einem Schönheitschirurgen stellt, ruft auch in mir eher kaltes Grausen hervor. Zu Recht würden die Leute denken:
Der wäre wohl besser mal in der Versenkung verschwunden geblieben.
Aber jetzt bin ich hier und muss mich durchschlängeln durch all die täglichen Konjunkturprognosen, die nicht so viel Gutes versprechen und keinen Raum lassen für nette Pointen.
Auch die schlichte Tatsache, dass es wohl Abwrackprämien-Beantrager gibt, die ihr Gefährt in die Verschrottungs-Obhut des Staates übergeben, obwohl es noch wesentlich mehr wert ist als die von Frau Merkel ausgelobten 2.500 Euro, löst in mir nur ein Achselzucken aus. Den schlichten und einfach gestrickten Analysen der „Experten“, der Deutsche wäre halt einfach nur prämiengeil und würde es deswegen an Genauigkeit im Umgang mit dem Rechenschieber vermissen lassen, stelle ich auch ein Armutszeugnis aus.

Nein, der deutsche Abwracker von heute ist halt faul.
Ganz dem südländischen Flair zur Siesta verpflichtet will er sich nicht mit dem regulären Verkauf seines Gebrauchtwagens herumschlagen, weil er weiß:
Da kommen viele seltsame Menschen mit noch seltsameren Preisvorstellungen um die Ecke gebogen, da gebe ich die Karre doch gleich lieber der Regierung.
Interessant – und somit leider auch wieder ein bisschen typisch deutsch – musste man dann wieder beobachten, wie die Reaktion ausfiel als bekannt wurde, dass der Verschrottungs-Zaster wohl nur bis Ostern reicht.

„Was denn, jetzt schon?“

Es greift der Reflex, der im Stammhirn unter „soziale Gerechtigkeit“ gespeichert wurde, seitdem einst der Bundeskanzler Schröder hieß.

„Jetzt ist der Topf schon leer? So – geht – das – aber – nicht!“

Also musste aufgestockt werden und wieder war man empört, als es hieß, die Prämie würde eventuell gekürzt werden. Und das dann nicht zu knapp. Muss man sich mal vorstellen, ein Zustand – hier eine Subvention – die kaum ein Quartal existiert wird bereits heute vermisst, obwohl sie noch nicht mal ausgelaufen ist.
Man hat ja nur darauf gewartet, dass der erste Politiker aus den hinteren Reihen des Bundestages, der sonst nie was sagen darf, sich auch mal zu Wort meldet mit dem schlagzeilenträchtigen Satz:

“ Die Abwrackprämie gehört ins Grundgesetz!“

Artikel 1: Die Abwrackprämie des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und jedem Bundesbürger zu gewähren ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

In einem Jahr interessiert das alles niemanden mehr. Da wird dann eben wieder bei den Autoherstellern auf herkömmliche Weise herumgefeilscht, so wie in den guten alten Zeiten.
Aber nicht nur daran merkt man, dass uns die Krise noch nicht so richtig mitgenommen hat. Wir sind noch nicht tief genug drin, der Kot reicht nur bis zum Knöchel, maximal bei einigen bis zu den Knien, aber noch nicht bis zum Hals.

Woran man das merkt?

Nun, man hat in Deutschland immer noch genug Zeit, runde Geburtstage von Alltagsgegenständen zu begehen.
Es ist ja so: Schraube, Glühbirne und aufblasbare
Handyhalter für zu Hause sind Dinge des täglichen Gebrauchs und wurden seinerzeit von klugen Köpfen erdacht und im Keller zusammengezimmert. Und alle paar Jahrzehnte gilt es, den schlichten Bestand dieser Gegenstände ordentlich abzufeiern.
Gut, es werden keine Paraden aufgeführt, es wird nicht feierlich im Bundestag gesoffen bis die Lampe kracht und niemand flippt so richtig aus, wenn die Schraube 100 Jahre alt wird.
Aber erwähnt wird es trotzdem.
Dieser Tage ist das Taschentuch 80 geworden.
Wohlgemerkt, das Papiertaschentuch.
Schön wäre es, wenn so ein Ereignis auch medial mit einer schlichten Meldung über das Passierte einfach abgehakt wäre.
In Regionalzeitungen könnte man auf die Anzeigenseite zurückgreifen, ein paar schwarzweiße Luftschlangen und ein knallender Sektkorken sorgen für eine feierliche Atmosphäre im sonst tristen Anzeigengrau und es könnte simpel heißen:

Alles Gute zur 80 Tatü, mögest Du noch viele Jahre oben drauflegen.

Im Radio wäre eine simple Ansage nach den Verkehrsmeldungen wünschenswert:
„Zähfließender Verkehr auf der A1 am Westhofener Kreuz in beiden Richtungen auf Grund eines umgekippten Sattelschleppers, der seine komplette Ladung Papiertaschentücher verloren hat und wo wir gerade dabei sind, das Taschentuch ist heute 80 geworden, Glückwunsch!“
Und im Fernsehen? Reicht eine Einblendung am Ende von RTL Aktuell. Langweilige Geburtstage, Doppelpunkt.
Und so weiter und so fort.
So weit die Utopie, doch was passiert stattdessen?
Ausgebildete Journalisten werden losgelassen auf durch Innenstädte flanierende nichts ahnende Passanten.
Werden ausgefragt, ob sie noch ein Stofftaschentuch benutzen würden.
Werden umzingelt von einem im Bild nicht sichtbaren Schlägertrupp der Privatsender, bis sie das Stofftaschentuch herausholen und es herzeigen.
Werden ausgefragt, ob sie denn nicht wüssten, dass es mittlerweile Papiertaschentücher gibt, die sind doch jetzt 80 geworden, Mensch.
Werden erst wieder weggelassen, wenn sie für das angewiderte und empörte Publikum daheim demonstrativ in ihr Stofftaschentuch schnäuzen und sich das Bazillenkonglomerat wieder in die Hose stopfen, wo auch Bonbons ohne Papier bereits auf den Verzehr des Besitzers warten.
Auf Pro Sieben wird zu Ehren des Tatüs in Galileo eine Sondersendung gebracht, in der minutiös die Herstellung der kleinen freundlichen Alltagstücher dargestellt wird von der Zellstoffverarbeitung bis zum großartigen Auftritt der grandiosen Maschine, die letztlich die Taschentücher in die Packung befördert.
Menschen, die ihren Gebrauchtwagen für 2.500 Euro lieber abgeben als 6.000 dafür im Internet zu bekommen, sind dann immer ganz baff und rufen ins Wohnzimmer hinein
„Waaaas, das macht so ne Maschine? Also ich dachte ja immer, dass da noch echte Menschen aus Fleisch und Blut sitzen, die das einpacken, aber so ne Maschine is ja schon auch was Schönes, auch wenn sie uns ja schon potentielle Arbeitsplätze wegnimmt, aber dank Galileo weiß ich ja jetzt Bescheid!“
Auf Arte hingegen dürfte ein Bericht laufen, in dem entknautschte Taschentücher voller Nasensekret kunstvoll zu feiertagsträchtiger Klassikmusik präsentiert werden. Ein französischer Kulturprofessor kommentiert dies mit seiner sonoren Stimme und erklärt dem verdutzten Arte-Publikum, dass ja nun mal alles irgendwie Kunst sei und der Unterschied zwischen Acryl und Nasensekret ja wohl nur im Auge des Betrachters liege.

Man sieht, richtig interessante Sachen erfährt man eigentlich nicht.
Was haben die Menschen vor dem Taschentuch gemacht?
So ums Mittelalter rum?
Lief ihnen tagein tagaus die Suppe aus der Nase aufs Hemd und haben sie gedacht:

Ach herrje, wenn doch endlich mal einer das Taschentuch erfinden würde. Dann bräuchte ich mir nicht ständig jemanden zu wünschen, der mal die Waschmaschine erfindet, damit ich endlich meine vollgerotzten Oberteile waschen kann.

Nein, Dank Wikipedia wissen wir ja, was die Menschen gemacht haben. Es wurde in die Hand geschnäuzt und man wischte das Zeug an der Kleidung ab. Und zwar in allen gesellschaftlichen Schichten! Heutzutage irgendwie unvorstellbar, aber damals gab es eben nun mal keine Taschentücher. Da saßen dann Carrissima und Bredelin in der Taverne, lauschten der lauten Laute des lauten Lautenspielers und wenn während des Verzehrs von knusprigem Schwein die Nase kitzelte, dann wurde in die Faust geniest und an der Hose abgewischt. Da kommt man ja schon ins Grübeln, ob die Pest nicht vielleicht da ihren Anfang nahm, wenn ein jeder sein Naseninneres an seiner Klamotte hinterlässt, aber Experten werden’s wohl verneinen, von mir aus, ich beharre nicht auf dieser Theorie.
Das Mittelalter ist nun mal noch nicht gar so lang her, doch heute – in der aufgeklärten Zeit – kriegen nicht Wenige einen mittelprächtig bis schwer ausgeprägten Würgeanfall, wenn sie von RTL gezeigt bekommen, dass es noch Rentner gibt, die originale Stofftaschentücher verwenden. Auch hier weiß Wikipedia genau Bescheid, denn „90 % der deutschen Bevölkerung benutzen heute Zellstofftaschentücher“. Man will ja gar nicht wissen, woher Wikipedia so genaue Zahlen hat, aber im Umkehrschluss bedeutet dies, dass jeder zehnte Mensch, der einem so begegnet, eine tickende Keimbombe in seiner Hosentasche spazieren führt. Und vermutlich alles nur, um Geld zu sparen, so ein vollgesabbertes Stofftaschentuch lässt sich doch prima mit der Spitzendecke vom Esstisch mitwaschen.
Und nun würde ich doch ganz gerne mal von Frau Merkel wissen, wie es denn der Taschentuchindustrie so im Allgemeinen geht in Zeiten der Wirtschaftskrise?

Herrscht Kurzarbeit?

Sind Entlassungen nötig?

Ist die Taschentuchindustrie systemrelevant?

Falls ja, wäre es doch nett, eine Abschnupfprämie einzuführen. Bundesbürger, die ihr neun Jahre altes Stofftaschentuch in einem Krematorium entsorgen, bekommen von der Bundesregierung 25 Euro für Papiertaschentücher.
So dürfte der Wiederaufschwung zu schaffen sein. Blöd nur, dass ich ja jetzt doch nen Abwrackprämienwitz gemacht hab.
Ich bin halt einfach aus der Übung.

7 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Jippi, er ist wieder da!

13/4/09 00:40  
Blogger Knöpfchen said...

Penny hat den besten Zeitpunkt für seine Rückkehr abgewartet..... nein, nicht die Debatte um die Abwrackprämie..... den 80.Geburtstag des Taschentuchs!! Ohne Penny wäre dieses wichtige Ereignis tatsächlich spurlos an mir vorübergegangen.

Danke dafür, Penny, und auch für all die nervenaufreibenden Ereignisse, die du uns (hoffentlich) künftig wieder auf deine altbewährte Art näherbringen wirst!!!

WELCOME BACK!!!!!

13/4/09 13:23  
Anonymous Anonymous said...

Welcome Back, du hast uns gefehlt :P

14/4/09 12:28  
Anonymous Anonymous said...

Nach fast einjähriger (zumindest gefühlter) Wartezeit endlich mal wieder ein Grund, die Akten ein paar Minuten zur Seite zu legen. Ich hoffe nun auf wiederkehrende Regelmäßigkeit, da ich ansonsten das Institut der Untätigkeitsklage bemühen oder meine Finanzgeschäfte zukünftig in die Hände der Sparkasse legen müsste.

14/4/09 14:05  
Blogger Max said...

Na ja, Abschneutzprämie ist schon etwas einfallsreicher, als die normalen Abwrackwitze. Wobei der 80. Geburtstag ehrlich gesagt vollkommen an mir vorbei gegangen ist. *g*

14/4/09 21:41  
Anonymous Anonymous said...

Coole Sache, das mit dem Hörbuch. :)
Wie wärs wenn du ein Podcast draus machst?

16/4/09 20:32  
Blogger Unknown said...

Penny is back - wie schön !

Und gleich in Höchstform. Da hat sich die schöpferische Pause doch wirklich gelohnt.

Weiter so ! Wir wollen mehr !

8/5/09 12:29  

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