3.4.08

Pennys Wochenrückblick Folge 127: Big Brother's shopping with you!



Nun, wer meint, er könnte einfach im Supermarkt vor sich hinarbeiten und einkaufen, wie es ihm beliebt, der ist sich der Anwesenheit des Detektivs nicht bewusst. Der Kunde im Hintergrund scheint allerdings etwas zu ahnen.






Mein Name ist Rockford!
Tom Rockford!
Ich bin der Geschäftsführer der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Detektei Rockford, Rockford und Rockford.
Gut, im Grunde handelt es sich hier um ein bisschen Getue, eigentlich heiße ich Eckhart Warzenschmied, doch hat mich das Leben schmerzhaft gelehrt, dass die großen Kriminalfälle an einer Detektei mit dem Namen Warzenschmied, Warzenschmied und Lübke (Buchhaltung) vorbeischwimmen, sie werden vom Strom der wichtig Klingenden mitgerissen, während man selbst am Ufer steht und ein wenig bedröppelt hinterher schaut. Übrig bleiben kleine Ehebrechereien, deren Aufklärung immer mit dem Hinweis des Auftraggebers endet, dass man es ja kaum glauben könne, dass ein Detektiv namens Warzenschmied tatsächlich und wirklich und „in Echt“ einen so hochkomplizierten Fall gelöst hat. Dann wird einem auf die Schulter geklopft, man bekommt ein Trinkgeld, welches gerade mal für die Kiosk’sche Weingummiabteilung reicht und na ja…so kommt man auf jeden Fall nicht vorwärts. Doch mit der Umfirmierung vor einigen Jahren, da wurde alles anders. Plötzlich waren wir wer, man kannte uns nun auch außerhalb des Industriegebietes, in dem wir in einem Wohncontainer hockten.
Plötzlich bekamen wir Großaufträge von bedeutenden Firmen. Alles hätte so schön sein können…bis zu dem Tag, an dem der Supermarkt anrief.
Dies sind die Protokolle.


07:45
Ich mische mich unter die Kunden, Tom Rockford tut, was Tom Rockford am besten kann: Beobachten, taxieren, einschätzen, abschätzen.

Ich kneife die Augen zusammen, das kann ich ziemlich gut und in Verbindung mit meinem Pokerface kann mir überhaupt keiner was. Noch 15 Minuten bis der Supermarkt auf macht. Ich hätte mich auch durch den Hintereingang schleichen können, doch das ist mir zu billig, ich bin Profi. Ich muss Überraschungsmomente nutzen. Ich schätze ein und schätze ab. An vorderster Front steht eine kleine ältere Dame mit winziger Tasche und hochgetürmter Frisur. Fast reflexhaft berechne ich die Anzahl der Batterien, die sie in diesem Haarberg aus dem Laden entwenden könnte. Siebenundfünfzig plus minus zwei bis drei Uhrenbatterien. Nehme mir vor, die Dame im Auge zu behalten.
Weiter hinten steht der Computernerd mit einem startbereiten Einkaufswagen. Er und geschätzte – taxierte – siebenunddreißig weitere Nerds warten auf die Öffnung des Supermarktes. Unglaublich, was die Leute alles für einen verbilligten Memorystick auf sich nehmen. Vermutlich wird es Verletzte geben.
Ich bemerke, dass auch ich abgeschätzt, beobachtet, taxiert werde. Das ist nicht gut. Vielleicht liegt es an dem Trenchcoat und an dem Hut, den ich mir tief in die Stirn gezogen habe. Oder es ist die Zigarette, die lässig in meinem Mundwinkel steckt und vor sich hinlodert. Vielleicht sind es aber auch all die Dinge zusammen in Kombination mit dem heutigen Wetterbericht, der frühlingshafte Temperaturen von 26 Grad ankündigt. Ich muss lernen, mich unauffälliger zu verhalten und nicht die komplette Menschheit für blöd wie Bohnenstroh zu halten. Ein Anfängerfehler, der mir immer wieder passiert.

8:10
Ich baue meine Monitore im Pausenraum auf. Dem Personal in Form von Frau L., Frau R., Herrn T., Herrn C., den Geschwistern W. und W., Wachhund P., Fräulein D. und Praktikant S. nebst Verkaufsleiter K. erkläre ich meine Arbeitsweise.
Ich bin hier um Kunden zu überwachen, auf Diebstähle zu achten und sie gegebenenfalls zu verhindern. Alle wirken beruhigt. Das wären sie vermutlich nicht, wenn sie meinen wahren Auftrag kennen würden. Die Firmenleitung hat mir eine Sonderprämie versprochen, wenn ich auch ein bisschen darauf achte, was die Mitarbeiter so treiben. Eigentlich geht es hier so gut wie gar nicht um die Kunden.

8:47
Der Spaß beginnt. Frau R. sitzt an der Kasse. Sie hat vermutlich wenig bis gar nicht geschlafen, immer wieder sackt ihr Kopf nach vorne, schon nach wenigen Minuten hat sich ein Abdruck des Stornoknopfes auf ihrer Stirn gebildet. Gerüchten zufolge, die ich im Pausenraum aufgeschnappt habe, geht Frau R. einem Nebenjob als Bardame nach. Das würde auch den Glitzer in ihrem Dekolleté erklären. Die 38 bezahlwilligen Computernerds sind auf jeden Fall nicht begeistert, dass sie in ihrer Bezahlung aufgehalten werden. Kollegin L. bringt Frau R. einen Plastik-Espresso. Inventurlisten prüfen.

9:25
Herr C. verweilt in der Obstabteilung. Entweder bespaßt er die Kundschaft oder seine Drogen der letzten Nacht waren gestreckt. Anders ist es kaum zu erklären, warum der Kerl mit Kiwis jongliert und gar nicht bemerkt, dass geschätzte siebenundvierzig Jonglierversuche bereits fehlgeschlagen und zermatscht auf dem Boden gelandet sind. Praktikant S. weiß wohl nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen und begleitet fußstampfend die Darbietung von C. mit einer Art Zirkusmelodie.

10:15
Herr Y. kommt herein mit hochroter Birne und heult sich beim Verkaufsleiter K. aus. Er sei krank, furchtbar krank. Mindestens 41 Fieber, so versichert Y., hindere ihn an der Ausübung seiner üblichen Tätigkeit. Mit einem strafenden Blick und einer Zuweisung in die Tiefkühlkost-Abteilung darf sich Y. seine Verkaufskluft überstreifen. Taschentuchinventur wird empfohlen.

10:25
Tumulte am Pfandautomaten, ein Kunde brüllt cholerisch das Flaschenrücknahmegerät an.
„ICH WERD DIR GEBEN, MEIN FRANKENHEIMER BLUE NICHT ANZUNEHMEN!“
Eine Faust des Kunden steckt in dem Automaten, welcher unablässig und vergeblich versucht, die grabschenden Extremitäten des Kunden zu scannen.
„Bitte versuchen sie es erneut, dieses Leergut ist unzulässig!“, schnarrt es roboterhaft durch den Laden. Eine der Geschwister W. macht mit ihrem Handy ein Foto und gluckst herum, dass ihr die 500 Euro von der BILD so was von gehören.

11:35
Der vermeintlich kranke Y. kommt mit trichterförmigen Händen und schwarzen Rändern unter den Augen auf Verkaufsleiter K. zu. Er zeigt ihm seine Hände.
„Da…hab ich gesammelt. Auswurf, gelb und auch braun mit dabei! Was gedenken sie, zu tun?“
Der eiskalte Blick von Verkaufsleiter K. hätte bereits Bände gesprochen, aber er setzte noch einen drauf.
„Ich fordere sie auf, die Finger von der Käsesoße zu lassen. Aber die schwarzen Ränder unter den Augen sind klasse, da hat ihnen Frau R. wohl ihren Kajalstift geliehen, was? Zurück an die Arbeit, Y., wenn es ihnen nicht gut geht, dann schnäuzen sie in ein Taschentuch. Aber nehmen sie ihre eigenen, um Himmels Willen, wir haben Detektiv Warzenschm…Rockford im Haus."

12:45
Ich WUSSTE es. Es waren letztlich nur 36 Batterien, aber gewusst habe ich es trotzdem. Nach einer ganzen Reihe schmerzhafter, aber nicht lebensgefährlicher Elektroschocks konnten alle Duracell aus dem Frisurungetüm entfernt werden. Schwester W. knipste schon wieder mit ihrem Handy herum und krächzte irgendwas von „Yeah, jetzt sind es schon 1.000 Euro!“

13:06
Mittagspause mit einigen Mitarbeitern, diese wähnen sich immer noch in Sicherheit und denken, ich würde Kunden beobachten. Während die Belegschaft fröhlich eine Flasche Sekt leert, versucht Y. sein Zugehörigkeitsgefühl dadurch auszudrücken, dass er eine Flasche Sanostol hinterher kippt. Hat er die von zu Hause mitgebracht?

13:47
Frau R. versucht mich zu verarschen. „Ich geh mal kurz zum Auto“, rief sie fröhlich durch den halben Laden, unter ihrem Kittel zeichneten sich die Umrisse von zwei Dutzend Pfandflaschen ab, es war einfach erbärmlich. Ich verließ den Laden, nachdem sie wiederkehrte, um an ihrem Gefährt eine Parkkralle anzubringen.

14:30
Langsam übertreibt Y. Nachdem der Verkaufsleiter K. ihn in die Fleischereiabteilung geschickt hat, nutzte Y. einen Moment der Unaufmerksamkeit seiner Kollegen, um selbst gehörig Aufmerksamkeit zu erregen. Unter lauten Protesten stampfte Y. vor K. mit dem Fuß auf. Y. hielt seinen abgetrennten Arm in der Hand, der blutende Stumpf versaute die ganze Verkaufsfläche. „So! Ich bin in die Kreissäge gefallen, als ich geniest habe. Könnte ich eventuell jetzt zum Arzt? Bitte?“
Verkaufsleiter K. antwortete so, wie man es von ihm erwartete:
„Einen Arm zum Arbeiten haben sie doch noch, legen sie den anderen auf Eis, nach Feierabend wird ja wohl noch genug Zeit für einen Besuch in der Notaufnahme sein oder? Und rufen sie mir Praktikant S. mit dem Wischer hierher.“
Y. trottete betrübt davon, mit seiner Motivation scheint es nicht weit her zu sein. Ein Mitarbeiterseminar zur Euphorieauffrischung wird empfohlen.

14:33
Praktikant S. singt wieder irgendwelche Zirkuslieder, als er mit der Reinigungsmaschine über das Blut fährt wie ein irrer Eishockeyfeldreiniger. Sieben Kisten DAB und der Stand mit den Anchovis gehen dabei zu Bruch und Matsch. Den Schaden per Lastschrift vom Praktikanten einziehen lassen. Sein Nippen an der Sektflasche war vermutlich ein Fehler.

16:59
Fräulein D. ist noch jung, gerade mal 18, doch erklärt das allein schon ihr Verhalten?
Als ein Kunde - Mitte Zwanzig, Lederjacke, Kragen natürlich oben - sie an der Kühltheke nach Schmelzkäse fragte, schoss ihr das Blut nur so ins Gesicht. Statt der gewünschten Information erhielt der Kunde eine kleine Führung durch das Kicher-Kicher-Land. Auch die erneute Wiederholung seiner Frage hatte nur zur Folge, dass Fräulein D. um so lauter kicherte und S. gleich wieder mit der Wischermaschine anrücken müsste. Eine der W. Schwestern erkannte die Situation und zeigte dem wartenden Kunden die ungefähre Schmelzkäserichtung mit dem Finger. Ich würde auf Süd-Süd-West tippen, sicher bin ich mir aber nicht. Tipp an die Konzernleitung: Über die Anschaffung von Navigationsgeräte nachdenken und niemanden mehr unter 23 einstellen.

18:45
Y. scheint einen Hang zur Selbstverstümmelung zu besitzen. Sein zweiter Arm ist nun ebenfalls ab und langsam wird er ungeduldig, was seinen Arztbesuch angeht. Verkaufsleiter K. will gar nicht wissen, wie dieses Missgeschick passieren konnte und schickt Praktikant S. mit den Worten los, dass er ein Einmachgummi für den Armstumpf besorgen soll. Langsam regt sich in mir der Verdacht, dass Verkaufsleiter K. seine Herde hier nicht richtig im Griff hat und ich frage mich ernsthaft wo das hinführen soll, wenn sich einer schon die Arme amputiert, nur damit er mit seinem Fieber zum Arzt gehen kann.

19:45
Tumult, Sodom und Gomorra im Supermarkt. Praktikant S. hatte wohl erneut an der Sektflasche genippt, auf jeden Fall bretterte er auf der Reinigungsmaschine sitzend mit voller Karlotte in die Regale.
Zu dumm, dass sich dabei ausgerechnet Spargel und Erdbeeren auf dem Boden verteilten und einen aphrodisierenden Duft ausströmten, der von der Klimaanlage leider nicht abgesaugt werden konnte, da Y. diese verstopft hat, um – kurz vor dem Erstickungstod stehend – bei Verkaufsleiter K. endlich den Grund für einen Arztbesuch zu bekommen.
Dieser konnte seine Bitte allerdings nicht platzieren, weil weiter vorn an der Kasse ein Heidengeschrei ausbrach. Fräulein D. und der Lederjackenkragenmann gaben sich nämlich ganz und gar der olfaktorischen Erdbeer-Spargel Duftwolke hin und kopulierten auf dem Kassen-Warenband wie zwei frisch verliebte Eichhörnchen. Das alles wäre schon schlimm genug, allerdings wurde sie Szenerie komplett durch den Minderjährigen Praktikanten S., der mit einer halbleeren Wodkaflasche in der einen Hand und mit den im Kopulationstakt schwingenden Warentrennungshölzchen in der anderen Hand das letzte Zirkuslied seines Praktikums flötete.

20:17
Abschlussbericht:
Abgesehen davon, dass der Supermarktparkplatz aussieht wie der Vorhof zur Hölle (Einkaufswagen stapeln sich in den Himmel, ein Kohlrabi flattert wie eine Windhexe über den Asphalt, Frau R. versucht durch das Ausstoßen satanischer Flüche, die Parkkralle von ihrem Pfandflaschenfluchtfahrzeug loszubekommen), ist es innerhalb der Verkaufsräume noch schlimmer. Dort verschanzen sich der armlose Y., der entnervte Verkaufsleiter K., die Zwillinge W. und W. und alle anderen, um von der GSG 9 in Empfang genommen zu werden.
Der Geschäftsleitung wird empfohlen, das Personal eventuell komplett auszutauschen.
Vielleicht sollte man auch einfach den kompletten Laden abreißen und woanders neu aufbauen. Wer weiß schon genau, wann die Wirkung des Spargel-Erdbeergemischs nachlässt.
Die Akte „Stasi in der Süßwarenabteilung“ wird hiermit geschlossen, der Auftrag als erledigt angesehen. So arbeiten wir hier bei

Rockford, Rockford und Rockford!

2 Comments:

Anonymous Anonymous said...

hey den auf dem Foto kenn ich!!!

14/4/08 16:21  
Blogger MrPennywise said...

ich kenn den auch ;D

14/4/08 17:42  

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