11.1.07

Pennys Wochenrückblick Folge 80: "Dabei ist alles" oder: Deutschland sucht den Superschrott!

Dies ist das erste Mal, dass ich einen Kommentar zu meinem eigenen Wochenrückblick abgebe.
Das ist nun gar nicht meine Art, weil die Texte eigentlich für sich stehen sollten und jegliche Aussage individuell vom Leser erfasst werden muss.
Heute ist es anders:
Was ich Mittwoch im Fernsehen mit anschauen musste, hat mich schlichtweg durchgehauen bis zum Erdkern der Geschmacklosigkeiten. Ich durfte einen Blick darauf werfen, was alles möglich ist, wenn man gewisse Menschen "einfach mal machen lässt".
Die Menschenverachtung, die einem dabei entgegenschlägt, ist eigentlich kaum noch in Worte zu fassen, trotzdem habe ich mich redlich bemüht.
Tut mir einen Gefallen, wenn ihr meine Texte nicht komplett verabscheut:
Schickt diesen Rückblick weiter, druckt ihn aus, lest ihn anderen Menschen vor und lasst Euch nicht blenden von den Dingen, die mitunter im Fernsehen so passieren.
Nichtsdestoweniger wünsche ich Euch auch mit dieser Ausgabe Lese-Spaß.

Bedanken möchte ich mich diese Woche bei der netten Hotline-Dame, die mir meine Foto-Funktion zurückgegeben hat, die ich passwortverschusselnd tragisch verlor.
Ich wiederhols gern: Kompetenz in Reinkultur.










Rückblickend werden die Schultern voller Mutlosigkeit nach unten sinken.
Tränen, dick und gefüllt wie ein kleiner Baby-Tsunami werden faltenreiche Hautpartien entlang kullern und manchen Pulli voll saugen.
Manche werden vielleicht sogar aufschluchzen oder sogar zornig gen Himmel blicken und einen fürchterlichen Fluch ausstoßen.
Die Reaktionen werden vielfältig sein aber durchweg negativ besetzt.
Aber so ist das mit Naturkatastrophen, Grund zum Lachen gibt es nur selten, höchstens mal zynisch, aber schnell danach muss man anerkennen: Wenn der Horror über einen hinwegfegt, bleibt kein Auge trocken, keine Kehle glatt.
Ja, rückblickend werden wir in einem Jahr sagen, dass 2007 nicht bescheidener hätte beginnen können. Berühmte Menschen werden in den nächsten zwölf Monaten wieder zu Grabe getragen, weil auch berühmte Menschen dem Tod ins Auge blicken müssen, der FC Bayern wird aller Voraussicht nach zum 700. Mal Deutscher Meister, weil auch die ambitioniertesten Vereine anerkennen müssen, dass der Papst in südlichen Taschen zu Hause ist und auch so mancher Krieg wird weitergehen, weil der Mensch sein gewaltiges Munitionsrepertoire irgendwo verballern muss.
Doch dies alles wird uns nur mittelmäßig grämen und gruseln.
Alles Schlimme überlagernd wird auf dem Thron der Grausamkeiten Platz nehmen:

Die 4. Staffel von Deutschland sucht den Superstar!

Zunächst blickt man sowieso verwundert drein und haut den Leuten Fragenkataloge um die Ohren.
Warum überhaupt noch eine Staffel?
Klar, weil die Sieger der drei vorausgegangenen Ausgaben der Sendung so ungeheuer erfolgreich im Musikbusiness sind.
Sehen sie mich lachen? Wie ich auf dem Boden liege und mein Gesicht ein bisschen blau anläuft? Können Sie es sehen?
Wir fassen noch einmal (aber wirklich nur noch einmal) zusammen:

Erste Staffel: Ralf Schu….Alexander Klaws

Zweite Staffel: Elli-irgendwas

Dritte Staffel: der rockige Tobias

Dass die Berühmtheitsdauer dieser drei Personen ungefähr auf einer Stufe mit der Zeit liegen, die Schweine vom Stall zum Futtertrog benötigen, scheint eigentlich niemanden zu stören. RTL nicht, weil die das Geld schon vorher durch fingerwundwählende Voting-Kids verdient haben.
Die Jury nicht, weil sie nach den Staffeln zurückkehrt in die Normalität.
Und die Kandidaten?
Ach, die Kandidaten.
Schmerzfrei vom ersten Casting bis zum Abgesang auf die neueste Baumarkt-Stichsäge, mit der sie am Karriereende um die Wette jodeln.
Aber der Reihe nach, wie verlief der Mittwochabend eigentlich?
Soll ja Leute geben, die sich Castingsendungen entsagen, aber trotzdem mitreden wollen und da will ich nicht hinterm Berg halten mit meinen Betrachtungen.

Zu Beginn der Sendungen wurden Zahlenphrasen gedroschen, jaja, selbst der hirndurchlöchertste Mensch dieses Planeten dürfte schon mitbekommen haben, dass am Ende nur ein und wirklich nur ein einziger armer Wicht sich das Banner des Superstars ans Revers heften darf. Vorher kommen viele angerannt und zwar 30.000 Leute, die einen Traum haben:
Sich von Dieter Bohlen beschimpfen zu lassen.
Aber der Reihe nach, mehrmals wird während der Sendung aufbauschend erklärt, wie anstrengend es gewesen sei, 30.000 Personen in 5 Monaten zu casten.
Rechnen wir mal nach:
5 Monate haben im Schnitt gut 150 Tage.
Wenn wir davon ausgehen, dass die dreiköpfige Jury um Bohlen, Henn und Lukaseder jeden einzelnen Tag dieser 5 Monate auf Teufel komm raus gecastet haben, dann kommen wir pro Tag auf 200 Amateurjodler.
Jedem von ihnen wollen wir einen Zeitraum von 7,2 Minuten zugestehen, in diesem Zeitraum stolpern die Probanden in den Castingraum hinein (0,5 Minuten), suchen den Stern, auf den sie sich stellen (0,5 Minuten), stellen sich in aller Ruhe der Jury vor (ich bin der Hans, mein größter Traum ist es, blablabla, 1 Minute), schmettern ihren Evergreen in den Äther (kann bis zu 3 Minuten dauern, wenn’s gut läuft, läuft es schlecht, ist nach einer Minute schon wieder alles vorbei, dann dauert es aber zwei Minuten, in der die Jury einen zur Sau macht), lauschen dem Urteil der Jury (eine Minute oder eben auch zwei, wie eben beschrieben), heulen vor Trauer oder quieken wie ein Glücksschwein (1,5 Minuten inklusive Taschentuchsuche oder dem-Didda-um-den-Hals-fall-vor-Freude) und stolpern wieder hinaus aus dem Castingraum (0,7 Minuten unabhängig vom Gemütszustand).
Macht 7,2 Minuten und das ist doch mal ein toller Zufall.
Denn bei 7,2 Minuten pro Gecasteten kommt man bei 30.000 Probanden auf genau fünf Monate.
Ohne Pause.
Die Jury hat also wirklich unmenschliches geleistet, kein Schlaf, pinkeln durch einen recht langen Schlauch und gegessen wurde auch nur am Jurytisch. So wurde durchgecastet.
Man merkt schon, die Rechnung ist nicht ganz dicht.
Ist aber auch nicht, wir wollen uns ja berieseln lassen und wenn der Dieter sagt
„30.000 in 5 Monaten“, dann wird’s schon so gewesen sein.

Los ging es auf Mallorca, eigentlich DAS Mekka, wenn es um zukünftige Musikprofessoren geht.
Begonnen hat die Sendung dann mit einem Paukenschlag im Stil der Dame, die in der letzten Staffel gläsersplitternd das Wort „Apfelringe“ in die Kameras hauchte.
Johanna, Bäckereiverkäuferin aus Wuppertal, betrat die Bühne um – so sagte sie es selber – „mit dem Dieter mal ein Glas Sekt zu trinken.“
Schon bei ihrer Vorstellung merkte man, wo die Reise auch in der vierten Auflage der Sendung hinging: In den Gulli kulturdurchtränkter Sendekonzepte.
Denn Johanna schaffte es tatsächlich bei der Beschreibung ihrer Vita Vokale, Konsonanten und auch mal ganze Wörter zu verschlucken. Sie wäre wie Marilyn Monroe und reif für Hollywood. Ein bisschen überdreht die Dame, eigentlich sogar komplett bekloppt, wenn man ehrlich ist: die ungekrönte Kaiserin im Lande Freak.
Johanna konnte nämlich viel und davon gar nichts.
Singen, sich bewegen, sprechen, denken.
Menschen wie Johanna sehen eine Fernsehsendung normalerweise dort, wo Menschen wie Johanna eine Fernsehsendung in den Augen der Medienlandschaft zu sehen hat:
Von der Couch aus.
Doch hier zeigt sich, dass es ein Schlupfloch gibt, durch das all die seltsamen Menschen hindurch kriechen können, sie zwängen sich hindurch, reiben sich am ganzen Körper mit Butter ein und flutschen hinein in die für seltsame Menschen empfänglichen und offenen Arme von Dieter Bohlen.
Johanna singt…nein, Moment, sie spricht….nein, auch nicht, sie krächzt in anderthalb Tonlagen „Du hast die Haare schön“ von Micki Krause.
Anderthalb Milliarden Chinesen hätten ihr vorher auf der Fahrradklingel auf fahrradklingelerisch durch die Blume mitteilen können, dass man mit so ziemlich jedem anderen Lied eine geringe, aber doch reelle Chance auf den Recall in Berlin hat.
Aber wurden die anderthalb Milliarden Chinesen gefragt?
Nein.
Johanna durfte wieder gehen, durfte von dannen ziehen, nicht ohne noch einen markanten Satz rauszuhauen:
„Na ja, dabei ist alles!“
Wie schaffte die Frau es bloß, so viele Wörter zu verschlucken?
In der Creative-Abteilung von RTL kippte man vom Stuhl vor Begeisterung. Schenkel wurden wund geschlagen, Münder öffneten sich kiefersperrendrohend zu Erdbeben verursachenden Lachsalven, feuchtgelachte Augen mussten medizinisch behandelt werden, ein Mitarbeiter liegt bis heute im Lachgaskoma:

Dabei ist alles.

Man hatte einen Kalauer allererste Kajüte aus Johanna herausdestilliert und diesen ja wirklich wahrhaftig legendären Satz zu einem Klingelton umfunktioniert.
Die Genfer Menschenrechtskonventionen überlegen darauf hin, Handys generell weltweit zu verbieten.
Nun, als Kontrast kam danach eine nette Dame auf die Bühne, die sich wohl zum Halten gewisser Töne in der Lage sah und weiterkam.
Leider eines von zu wenigen Beispielen.
Von den gecasteten aus Mallorca und Frankfurt hatten die „Bekloppten“ einen Sendeanteil von 80 Prozent.
Die Weiterkommenden wurden zur Minorität erklärt.
Zu einer Dame sagte Heinz Henn im schönsten Kölsch:
„Du warst echt des Jeilste, was mir heut abenne hier jehört ham!“
Wer jetzt als Zuschauer auf des „Jeilste“ gewartet hat, konnte dies tun, bis Stern TV das Licht ausmachte…es wurde schlicht nicht gezeigt.
Weil Deppen-Präsentier-Time war.
So wie der nette junge Herr, der mit seiner Mutter zum Casting erschien.
Leider ist mir der Name des netten jungen Herrn entfallen, ich denke an diesem Abend sind mir so einige Gehirnzellen abhanden gekommen.
Aber egal, der Kerl hatte eine Frisur wie nach einem Kampf mit einem Rasenmäher, der Pulli steckte IN der Jeans und er liebte Comics, Computer und Playstation. Wie man mit so einem Hobby-Repertoire auf die Idee kommt, zum Dieter zu gehen, kann man nur erahnen, vielleicht eine erfolgsgeile Erziehungsberechtigte, vielleicht die schiere Verzweiflung, vielleicht eine falsche Programmierung des Karaoke-Spiels „Sing Star“: niemand wird es erfahren.

Der nette junge Herr stolperte in den Castingraum, machte drei Lampen kaputt, die daraufhin hoffnungslos vor sich hinflackerten, stellte sich vor die Jury und sang so erbarmungslos schlecht, dass ich spätestens an dieser Stelle zu der Vermutung kam, dass das einfach ein Schauspieler sein muss.
Nun, wie auch immer.
Die nicht enden wollende Zahl der Nichttalente war selbst schuld, sie trat an, krakeelte und verhaute Töne in Kamera und Juryohren hinein und dann?
Der Auftritt vom Dieter.
Dem Erbarmungslosen.
Es machte PÄNG, PÄNG, PÄNG.
Tief klaffende Wunden hinterließen die ganz doll fiesen Sprüche vom Dieter bei den Nichtsängern.
Ein Beispiel? Na, wenn Sie’s aushalten:
„Was ist der Unterschied zwischen einem Eimer voll Scheiße und Dir?
Der Eimer?“

Ja.

Okay.

Ja, Sekunde noch.

Nur noch einen Moment.

Ich muss ja warten, bis Sie fertig gelacht haben.

Jetzt mal so richtig Butter bei dem Dieter:
Das ist nicht mal Kindergartenniveau. Das ist nicht verletzend für die Teilnehmer und auch nicht lustig für die Zuschauer, das ist ein notariell beglaubigtes Armutszeugnis an die deutsche Sprache.
Wir sollen natürlich glauben, dass das dem Dieter alles spontan aus der Lunge flutscht, all die tief sitzenden verbalen Schläge.
Aber man ist ja aufgeklärt und ich kann sie fast sogar sehen, die Tapetenrollenartige Sprüchesammlung unter dem Jurytisch.
In monatelanger Kleinstarbeit in Tötensen ausgearbeitet, das ganz gewiss.
Aber Spontaneität? Die nehmen wir dem Dieter nicht ab.
Schön, die Sendung stürmte und steuerte auf ihren Höhepunkt zu wie einst die Titanic auf den Eisberg.
Kurz vor dem Finale gehen wir aber noch mal in uns und fragen uns, warum wir keine Protestbriefe an RTL schreiben, warum wir es akzeptieren, dass Menschen ohne Talent ein derartiges Übergewicht in einer Castingsendung haben, in denen es doch eigentlich um Menschen geht, die singen können sollen und wollen.
Wir erreichen spirituelle Höhepunkte, wenn wir erkennen, dass wir es hier mit vergeudeter Sendezeit auf höchstem Niveau zu tun haben und werden die nächsten Wochen die Finger von der Fernbedienung lassen, wenn es Mittwochabend heißt:
Deutschland sucht den Oberfreak.

So, Finale und Kirsche oben drauf, bitte sehr:
Zum Schluss der Sendung wurde noch eine letzte Kandidatin gezeigt.
Auch diese betrat den Castingraum und hatte im Gegensatz zu all den anderen Kandidaten ein paar Pfund mehr auf den Rippen, unterentwickelte Kleinkinder in der 3. Schulklasse würden sie schlicht und einfach als „Fett“ bezeichnen.
Da wir uns aber nicht bei „Germanys next Top Model“, sondern bei „DSDS“ befanden, konnte man ja wohl davon ausgehen, dass es hier in erster Linie um stimmliche Qualitäten gehen würde.
Ging es aber nicht.
Singen konnte die Frau nicht, aber das war Nebensache, denn zum Einmarsch der Dame wurden erdbebenähnliche Geräusche seitens der Redaktion eingespielt und – damit die Illusion der Naturkatastrophe auch perfekt rüberkommt – wurde bei jedem Schritt am Bild herumgewackelt.
Als die Dame sich dann auf den Hocker setzte (der da ja sonst nie stand), rummste das Bild nach unten, am oberen Bildschirmrand erschien ein dicker schwarzer Balken.
Zu allem Überfluss zupfte die Kandidatin nervös an ihrem T-Shirt, was ebenfalls mit lustigen Keyboard – Sounds unterlegt werden musste, ebenso wie das hektische über-die-Lippen-lecken, was der Dame auch gleich noch den Spitznamen „Schleckermäulchen“ einbrachte.
So.
SO!
Und nun, liebe von Adonissen und weiblichen Models nur so durchseuchte RTL-Redaktion.
Wenn einer von Ihnen demnächst aufgrund eines in der Fernseh-Kantine zuviel verdrückten Pommes-Stäbchens aus Versehen ein paar Gramm zunehmen sollte, so mögen sie doch bitte hervortreten aus der Dunkelheit ihrer unendlichen Ignoranz ans Tageslicht, damit wir uns ganz kräftig über Sie totlachen können.
Danach lassen wir sie noch ein Liedchen trällern und werfen sie abschließend dem Dieter zum Fraß vor.

In diesem Sinne.

4 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Ganz meine Meinung. Ich habe mich den ganzen Abend gefragt, wie besagte Johanna wohl in der Bäckerei Brötchen und Kuchen auseinander hält und ob sie mit den Kunden auch in halben Sätzen spricht (z.B. Darf ich Ihnen außerdem noch ein Stück ??? dazugeben ? Oder: Das macht dann ??? Euro) "Herr im Himmel", verschone uns in Zukunft mit derartigen Gestalten. Das ist ja nicht auszuhalten.
M.

12/1/07 13:46  
Anonymous Anonymous said...

Ich schau mir das erst gar nicht an... ich weiß schon warum :)

12/1/07 14:54  
Anonymous Anonymous said...

Ich glaub da eh nicht alles was da kommt, sind bestimmt viele Leute da die wirklich "Superstar" werden wollen, aber ich vermute die wirklich harten Fälle für Irrenheim sind irgendwelche von RTL bezahlten Schauspieler.

14/1/07 09:42  
Anonymous Anonymous said...

Also nen mädel aus meiner nachbarklasse war bei nem casting wo gut 4000 leute davor standen, naja tatsache war 100 leute mit kamera wurden abgefilmt und dann kamen noch gut 200 angehörte und dann war schicht im schacht alle durften nach hause gehen....
naja ich finde DSDS eh sehr niveaulos, der "didda" denkt sicher auch das Niveau ne Handcreme ist^^
soweit cya Thunderstorm

17/1/07 19:41  

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