Pennys Wochenrückblick Folge 101: Ein Planet, ein paar Steine, ne Menge seltsame Menschen!

Da geht er nach Hause, der letzte Demonstrant aus Heiligendamm, in der rechten Hand noch die Flasche, die er eigentlich schmeißen wollte. Doch dann dachte er an den langen Heimweg und an den Durst, der ihn befallen könnte und so ließ er es bleiben.
Ab heute ist die Welt ein viel, viel besserer Ort als noch vor anderthalb Wochen, es muss so sein. Man hat sich nämlich auf allen Seiten ganz große Mühe gegeben, das soll nicht unerwähnt bleiben. Vor zwei Wochen war das freilich noch anders, da türmten sich Probleme und Klimaerkenntnisse ebenso in den Himmel wie Aids-Tote in Afrika und Berge gefälschter Markenschuhe. Es türmte sich eine ganze Menge, doch jetzt? Flachland, Ebene, alles abgetragen. Klasse, die Welt! Ein besserer Ort.
Dazu beigetragen haben:
Friedfertige Demonstranten
Friedfertige Demonstranten machen keinen Quatsch und gehen in Reih und Glied protestieren. Moment, Reih und Glied ist falsch, das klingt nach Militär, nein, sie schwadronieren die Protestmeile entlang, halten bunt bemalte Transparente hoch.
Viele haben übergroße Pappmache-Köpfe von Politikern auf Ihren Schultern, unter denen sie furchtbar schwitzen. Originalität wird übergroß geschrieben.
Da war das „Huhn aus Kamerun“, eine Frau, die in einem übergroßen Hühnerkostüm protestierte. Befragt, was das Huhn aus Kamerun denn nun genau bedeuten würde, da es auf den ersten Blick wohl nicht schlüssig schien, antwortete die schwitzende Dame, dass sie das „Huhn aus Kamerun“ sei und das Huhn dafür stehe, dass wir in Deutschland die ganzen tollen Teile vom Federvieh verzehren und den ganzen übrig gebliebenen Hühnerrotz, den wir daheim in den Müll schmeißen würden, nach Kamerun zur dortigen Verzehrung schicken. Hier soll wohl erreicht werden, dass in Zukunft die Menschen in Kamerun die gute Hühnerbrust verzehren und wir uns in Deutschland einen Hühnerschnabel-Auflauf backen. Damit ist zwar nicht der komplette Planet gerettet, aber ein toller und symbolüberfrachteter Anfang ist es schon.
Ansonsten ging es den friedfertigen Demonstranten vor allem darum, an den Sicherheitszaun zu gelangen, der viele Quadratkilometer Feld von noch mehr Quadratkilometer Feld trennte. In weiser Voraussicht wurde dieser Zaun nicht in Steinwurfnähe zum G8 Hotel gezogen, aber man muss als friedfertiger Demonstrant auch Ziele haben. Polizisten haben natürlich versucht zu verhindern, dass friedfertige und eventuell weniger friedfertige Demonstranten den Zaun erreichen. Dabei war an ein Überklettern eigentlich nicht zu denken, der fleischverzehrende Nato-Stacheldraht hätte so manches Hühnerkostüm kaputtgemacht. Da friedfertige Demonstranten weder doof noch unorganisiert daherkommen, schaffte man es bis an den Zaun, nicht ohne vorher die Ernte der deutschen kapitalistischen Großbauern kaputtzutrampeln. Man war sich in den Reihen der friedfertigen Demonstranten aber schnell einig, dass dies kleine Opfer gebracht werden kann für das große und ehrenhafte Ziel, den Zaun zu erreichen. Der viele Quadratkilometer Feld von noch mehr Quadratkilometer Feld trennte. Des Nachts wurde ebenfalls sozusagen im Schlaf friedfertig protestiert, in dem man sich auf die Zufahrtsstrassen legte, wo aber leider kein Politiker von Welt vorbeikam, um sein Leid über von Demonstranten verstopften Zufahrtsstraßen zu klagen. Vielleicht hatte man sich aber auch einfach auf die Straße gelegt, weil man jetzt nicht jeden Tag den weiten Weg von der Stadt zum Zaun zurücklegen wollte, aber genau wissen wir es nicht.
Nicht ganz so friedfertige Demonstranten
Nicht ganz so friedfertige Demonstranten halten nichts von Vogelverkleidungen, man orientiert sich modisch an bequemer Randalierkleidung in möglichst schwarzer Tarnfarbe.
Die linke Hand hält einen Stein und die rechte meist auch. Dass es hier nicht zu Missverständnissen kommt: stellt man sich auf einen wenig bevölkerten Acker und schmeißt einen Stein durch die Gegend, ist das meist unproblematisch. Blöd wird es ab dem Zeitpunkt, in dem der Stein auf seinem Weiterflug durch das Treffen auf ein Hindernis beeinträchtigt wird und Ungemütlichkeit gesellt sich hinzu, wenn das Hindernis die Form eines Polizeihelms hat. Solche Spitzfindigkeiten interessieren nicht ganz friedfertige Demonstranten aber nicht, man ist schließlich mit der Randale an sich beschäftigt. Die wird umso heftiger ausgelebt, von manchen sogar so heftig, dass man die Faux-Pas gar nicht bemerkt. So ist das Autoanzünden ein beliebter Spaß bei nicht ganz so friedfertigen Demonstranten. Die Aussage dahinter ist natürlich klar: Fahrt nicht so viel Auto, das macht die Umwelt kaputt. Wie viele Kilometer so ein Gefährt fahren muss, um den CO2-Ausstoss auszugleichen, der beim Verbrennen der Karre entsteht, wäre herauszufinden mal eine interessante Sache. Früher wurden generell nur Bonzenautos angezündet, sprich: Mercedes, BMW, Rolls Royce. Da das nicht zur Rettung des Planeten führte, zündete man in Rostock auch mal den einen oder anderen Ford Kombi an. Wie viele der weniger friedfertigen Demonstranten nun daheim ein eigenes Auto fahren, will man ja gar nicht wissen. Auch das fachmännische Demolieren eines Parkautomaten gehörte zur Randale dazu, beweisen kann ich’s hier jetzt nicht, aber bestimmt hat einer vorher gesagt:
„Wir stellen uns jetzt mal vor, das wär der Tower der Weltbank!“ So wurde der Weltbank-Parkautomat also kaputtgemacht und das Geld eingesammelt, vermutlich um direkt in der nächsten Bank eine Spendenüberweisung auszufüllen. Oder man ging damit zu McDonalds. Ein steinewerfender Körper verbraucht Energie und da haben einige in ihrem Protestierwahn vermutlich übersehen, dass McDoof und Konsorten zu den weltvernichtenden Konzernen gehören. Aber man kann auch nicht an alles denken. Von aufmerksameren Demonstranten darauf hingewiesen, dass das so nicht gehe, wird mancher mit vollem Mund
„Lasst mich zurück“ geantwortet haben. Da in dem verzehrten Chickenburger vermutlich keine Kamerun-Huhn-Teile verarbeitet wurden, können wir aber wohl sicher sein, dass es dem Steineschmeißer gut geht.
Polizisten
Polizisten müssen nicht nur an Kreuzungen den Verkehr regeln und Menschen mit Säcken voller Diebesgut an der Weiterreise hindern, nein, Polizisten müssen auch mal auf ne Großdemo.
Dort wird ihnen was von Deeskalationsstrategie erzählt oder von Null-Toleranz-Taktik, je nach Oberbefehlshaber. Deeskalationsstrategen sind die heimlichen Charlie Chaplins des
G8–Gipfels gewesen, weil sie vermutlich mit einer ganzen Reihe Argumenten bewaffnet auf die Demonstranten zugegangen sind.
„Nicht Steine schmeißen, das tut weh!“
„Das bringt doch jetzt nichts, komm da mal runter von den Gleisen!“ oder aber
„Ziehen sie doch bitte dieses Huhn-Kostüm aus, das müffelt doch auf Dauer!“
Null Toleranz gibt’s aber eben auch und bevor man nun auf das protestierende Volk einknüppelt, ist die Frage zu klären, wer angefangen hat.
Dann kann’s losgehen, anhand der Bilder, auf denen öfter zu sehen ist, wie fünf Polizisten auf einen Demonstranten draufhauen ist die Szenerie, in der ein Einsatzleiter Tage zuvor die Polizisten im Chor „Ist der Protestkopf auch noch so hohl, nach unserem Einsatz brauch er Paracetamol“ brüllen ließ, gar nicht mal so unwahrscheinlich. Weil man den Polizisten vorher auch noch mal die Gesetzeslage erklärt und auf das Vermummungsverbot auf Seiten der Demonstranten hingewiesen hat, wollten einige Polizisten wohl wieder besonders gründlich sein. Was zur Folge hatte, dass sechs Polizisten einer Frau eine blonde Perücke vom Kopf rissen, sie schlugen und verhafteten. Da ist der Fall aber klar, so eine blonde Perücke bedroht den Weltfrieden nicht wenig. Auch das Einsteigen in einen Zug wurde von der Polizei schlagstockmäßig begleitet und ich lüge nicht, wenn so mancher Pendler sich so einen Polizisten im Alltag wünscht, wenn mal wieder in der rappelvollen Bahn ein Volltrottel auf der Türschließungshinderungsschwelle rumlungert. Würd da ein Polizist kommen und mit dem Mikadostäbchen loslegen, würd man pünktlich zur Arbeit kommen, ach ja. Zum Schluß wurden militante Demonstranten noch in Käfigen untergebracht, ob man hier nun auf ein Guantanamo-Light hinauswollte oder ob man den Demonstranten zeigen wollte, wie ein Käfighuhn sich so fühlt, konnte nicht geklärt werden.
Politiker
Politiker befinden sich in einem ständigen Entscheidungsfindungsprozeß. Es gibt ja auch immer was zu entscheiden. Vor allem eben in der Weltpolitik. Dass man sich auf dem G8 Gipfel hinsetzt, um über Hühnerabfall zu reden, der nach Kamerun geschickt wird, ist nicht anzunehmen. Nein, es wird über wichtiges geredet, Klima, Armut, Markenpiraterie, solche Sachen. Um diesen wichtigen Themen einen wichtigen Rahmen zu geben, werden die G8 Gipfel aufgeführt. Nicht, dass man erst dort die Probleme bespricht und Lösungen direkt findet, dafür ist nicht genug Zeit, Polizisten müssen auch mal wieder den Kreuzungsverkehr regeln und viele Demonstranten können sich nicht so viel unbezahlten Urlaub nehmen. Nein, vieles ist vorher schon klar, die ablehnende Haltung von Bush zum Klimathema und das mürrische „Nein“ Putins zum Raketenabwehrschild. So bleibt der bittere Nachgeschmack, dass G8-Gipfel eher wie recht dekadente Klassentreffen anmuten. Hinterher war man aber schwer begeistert. Angie Superstar hat geschafft, was das „Huhn aus Kamerun“ genauso wenig erwartet hätte wie der pflastersteinwerfende Demonstrant. Klima gerettet, Afrika bald nicht mehr arm, Putin und Bush wollen ein gemeinsames Raketenschild aufbauen. Klasse. Da nun nicht zu vermuten ist, dass man bis zum nächsten Gipfel diese Ziele auch wirklich erfüllt, sind aber Änderungen vonnöten.
Was also tun mit dem Gipfel?
Zu Hause bleiben.
Alle.
Auf dem heimischen Sofa protestiert es sich schließlich am gemütlichsten.
Da Federviehkostüme und Wurfgeschosse vermutlich nicht zu den Entscheidungen der Weltpolitiker führen, die Globalisierung friedliebender und für alle Menschen gerechter zu gestalten, kann man es auch einfach sein lassen. Spenden, sich politisch engagieren, somit zur Entscheidungsfindung beitragen und im Alltag dafür sorgen, dass aus Ungerechtigkeiten Gerechtigkeiten werden, scheint ein besserer Weg zu sein.
Viele werden nun sagen, dass es so nicht gehe, man muss doch präsent sein, man muss doch Flagge zeigen undsoweiter.
Klaro, aber hey: Die Politiker und die Polizisten bleiben ja auch zu Hause. Ist der G8 Gipfel erst mal abgeschafft, kann man sich auch in aller Ruhe alle paar Jahre im Geheimen bei Sachertorte und Himbeerschnitte in einer schicken Konditorei treffen, ein „heute geschlossene Gesellschaft“-Schild aufstellen und dann dort Weltpolitik töpfern. Das macht dann ohne Reisekosten siebenundreissig-fuffzich und mit den gesparten 99.999.962,50 Euro könnte man dann bestimmt auch was Sinnvolles anstellen.
Hühnerkörperteile gerechter verteilen vielleicht.
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2 Comments:
Diese Woche etwas verspätet, dafür aber einsame Klasse.
M.
sehr gelungen!!! daumen hoch!!!
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