Pennys Wochenrückblick Folge 100: Alltagsent-dope-ung für Anfänger oder: Epo ist doof, Gelsattel aber auch!
Trailer für die 100. Folge:
Wenn ich also vor dem Spiegel stehe und mein Selbst von oben bis unten betrachte, bin ich doch recht froh, kein professioneller Radfahrer zu sein.
Die Vorteile liegen deutlich auf der Hand:
Das Hineinquetschen in hautenge Stoffkleidung entfällt, wie ein Besengter in eben jener albern wirkenden Klamotte durch die Pyrenäen zu klotzen, scheidet ebenfalls aus und das Tollste: Ich muss keine Pressekonferenzen geben, bei denen ich die Teleobjektive der Kameras kaputt heule, weil ich in meinem Leben mal nicht ganz ehrlich gewesen bin.
Es ist ja so, wenn man sich am Blut herumpfuschen lässt, nur damit man sich schwitzend auf dem Siegerpodest von zwei dauergrinsenden Frauen abschlecken lässt und nebenbei auch noch ein kleines Preisgeld bekommt, nach Verdächtigungen das Doping massiv bestreitet, jahrlang die Klappe hält, um dann – mittlerweile wurde „Epo“ durch „Demut“ ausgetauscht – auf einer einberufenen Pressekonferenz zu beichten, bis sich die Balken biegen, ja wenn so etwas passiert, dann hat das für viele mit Sport nicht mehr viel zu tun.
Klaro, wenn alle dopen, könnte man ja meinen, man hätte es wieder mit einem gerechten Leistungsvergleich zu tun, aber erstens haben ja – siehe Jan Ulrich - gar nicht alle gedopt und zweitens: wenn alle Menschen einer zugehörigen Gruppe eine Lüge erzählen, dann wird die noch lange nicht zur Wahrheit.
Wir können also festhalten, dass Radfahrer über Jahre voll gepumpt waren, wie getunte Pfingstochsen. Wie gesagt, nur Jan Ulrich nicht. Wie kann jemand gedopt sein und doch vor jedem Rennen erkältet? War denn da im Dopingköfferchen zwischen all den Epopaketen kein Platz mehr für ne Pulle Wick Medinaid?
Die Gesellschaft als solche hat natürlich schnell einen Platz gefunden in dieser Posse und sie wusste auch sofort, wo ihr Zeigefinger war. Ausgestreckt, auf die Lenkstangenhocker zeigend, fluchend, schimpfend, geifernd.
Wenn nun also die Masse (ja genau: auch viele, die sich für den Radsport gar nicht interessieren) im Kollektiv fordert, dass das mit dem Doping jetzt mal aufhören muss, meint die Masse:
Lügt nicht!
Da ein niemand von uns ein Lügner ist, lässt sich dies leicht einfordern.
Oh, ich höre erste Zweifel, wir haben vielleicht doch ein paar Schwindler unter uns?
Aber ich bitte Sie, kommen Sie, machen Sie mit mir eine Reise durch den Tag meines Bekannten. Ja genau, der mit dem Wetter und der mit dem verpassten Lottogewinn, die Älteren erinnern sich. Mein Bekannter ist kein Radfahrer, zumindest können seine halbstündigen Ausflüge in die Bürgersteigepampa auf seinem Gelsattel-Mountainbike Menschen auf richtigen Rennrädern nur ein müdes Lächeln entlocken.
„Ha! Ich werd’s dir schon zeigen. Einen Tag nicht lügen, wo ist das Problem?“
Ich hätte ihm gern gesagt, wo das Problem ist, aber hey: dann wäre der Rückblick hier schon zu Ende.
Wir beginnen:
Mein Bekannter denkt seine erste Lüge schon kurz nach dem Aufwachen, welches von einem dämlichen Grinsen begleitet wird. Da ich mir, an seinem Bett sitzend so etwas schon gedacht habe, hole ich meine Weckutensilien hervor, um am Sinn dieses Tages erst gar keine Zweifel aufkommen zu lassen und haue den Löffel mit voller Wucht gegen den Kochtopf, um meinen Bekannten von seinem Grinsen zu befreien.
Mit zerschwurbelter Frisur und recht schlechter Laune hört er sich meinen Monolog an, dass die dralle Blondine aus seinen Träumen so gar nichts mit der speckbrutzelnden Tonne von Frau in seiner Küche zu tun hat, er diese Art von Selbstlüge also sofort abzustellen habe, wenn er nicht schon am Start ein Loser sein will.
Am Frühstückstisch wird es das erste mal Ernst für uns, auf die Standard-Brummel-Frage, „wie’s denn schmecken würde“, wurde mein Bekannter bis zum heutigen Tag nicht müde, die Kochkünste seiner beleibten Frau in von Engelschören begleitete höchste Sphären zu loben. Auch jetzt konnte ich ganz genau sehen, wie er versuchte, mit seinen Händen eine Harfe zu imitieren und sein Gesülze zu starten, doch ich sah ihn nur fies an.
Keine Lügen heute.
„Marianne, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Aber nach jedem Frühstück von dir habe ich die nicht unberechtigte Sorge, noch vor Erreichen der Haustür an spontaner Adipositas zu verenden.“
Man kann sich das Geschrei nicht vorstellen und na ja, eventuell kriegt man den Speckfleck von der Tapete ja wieder ab, aber weiß man’s?
Im Bus – in ihrem Wutanfall hatte Marianne die Autoschlüssel meines Bekannten das Klo hinuntergespült – mussten wir uns erst mal beruhigen und durchatmen, als ein netter älterer Herr freundlich um den Platz meines Bekannten bat, welches dieser brüllend mit einem „NEIN!“ beantwortete.
Hauptsache ehrlich, war ja auch kaputt vom vielen Laufen, mein Bekannter.
An seinem Arbeitsplatz mussten wir nicht lang verweilen, der Chef der Spedition meinte, wenn mein Bekannter nicht wolle, dass er und seine Männer ihn zu Klump hacken, wäre es besser, wenn man gehen würde.
Dabei war die Forderung „nach mehr Geld oder ich setz dir nen Haufen auf den Schreibtisch, was ich eigentlich schon längst hätte tun sollen“ jetzt auch nicht schlimmer als die üblichen Scharmützel zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber.
Nun, ohne Job hatte man mehr Zeit, der Ehrlichkeit zu frönen.
Im Syrtaki-Grill wirkte mein Bekannter schon leicht desorientiert.
„Ich weiß echt nicht, was schlimmer ist. Meine Frau, die vermutlich immer noch mit dem glühenden Pfannenwender zu Haus auf mich wartet oder die Tatsache, dass ich ihr erklären muss, dass wir demnächst nicht mehr genug Geld haben, um den Speckfleck von der Tapete zu entfernen.“
„Na, wenigstens bist du ehrlich geblieben“, bestätigte ich ihm.
Als wenig später zwei uniformierte Beamte der Staatsgewalt in der Gyroshölle einliefen, ging der Wahnsinn weiter.
Auf die Polizistenfrage „Wie laufen die Geschäfte denn so?“ meinte mein Bekannter übereifrig „Im Keller is n illegaler Roulettetisch und ne Eisenstange für tanzende Frauen mit wenig Kleidung!“ antworten zu müssen, was die Polizei zu erfahren zwar einerseits sehr freute, diese Freude aber nicht überschwänglich genug war, um meinen Bekannten nicht zumindest ein paar Stunden wegen Mitwisserschaft in U-Haft zu nehmen. Der Anwalt meines Bekannten legte sein Bekannten-Mandat direkt nieder, als er nach der Hinterlegung der Kaution vom Inhaftierten mit den Worten
„Hey, du glattgegeelte Schweinebacke, warum in Dreiteufelsnamen hat das so lang gedauert? Hat dich ein McDonalds-Store auf den Weg hierher überfallen, hm?“ begrüßt wurde.
Letztendlich standen wir spätabends wieder vor seiner Tür, ich als Trainer, mein Bekannter als Testobjekt. Ein Testobjekt ohne Job, morgen ohne Frau, übermorgen vermutlich vorbestraft und nächste Woche von seinem Ex-Anwalt verklagt.
„Das mit der Wahrheit ist so ne Sache“, begann er schwadronierend.
„Seemannsgarn und Augenwischerei mögen moralisch verwerfliche Tugenden zu sein, aber bis heute bin ich ganz gut damit durchs Leben gekommen. Für den Glanz der Wahrheit riskiere ich, mit irreversiblen Knochenschäden auf der Intensivstation intravenös ernährt zu werden, wenn man mich denn überhaupt als Notfall rein nimmt, schließlich kann ich keine Praxisgebühr mehr zahlen. Ich denke, dass mir das eine Lehre sein wird. Die Wahrheit zu hören tut gut...wenn man denn taub ist. Aber ich danke dir wirklich, dass du mit mir dieses Experiment durchgezogen hast, es hat mich...weit gebracht, weiter, als ich jemals wollte. Ach ja noch was. Alles Gute, zum 100. Rückblick. Du schreibst wirklich tolle Texte“, sprach er und stieg aus, während ich nur konsterniert hinterher brüllte:
“DAS IST DOCH JETZT GELOGEN! UND GEGEN UNSERE VEREINBARUNG! Und vergiss nicht, deinen Gelsattel wieder abzuschrauben. Das ist auch ne Art von Doping...irgendwie!“
Tja, jede Wahrheit braucht einen Mutigen…na, Ihr wisst schon.
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3 Comments:
Wow! Die ersten Hundert! Gratulation und: Weiter so!Und nun sogar mit einem normativen Anspruch! Aber mal n Tipp an Dich als Mann: Gelsattel haben auch ihre Vorteile...
Ach, die Welt wurde nicht von Männern auf Gel-Sätteln aus den Angeln gehoben ;) Danke für die Glückwünsche und schöne Grüße an den D.
:)
Richtööööch...!!! Wer will schon immer die Wahrheit sagen und hören?! Wieder mal sehr gut runter zu lesen und langsam gewöhnen sich die Augen auch an das ungünstig gewählte Layout :-)
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