24.5.07

Pennys Wochenrückblick Folge 99: Hurra, Hurra, Pumuckls Ende der Asexualität!



Wir wissen ja gar nicht, in welcher Gefahr wir leben. Wäre der Pumuckl frei und könnte schalten und walten, wie er wollte, wir hätten längst zwei weitere Weltkriege hinter uns. Doch die Welt ist sicher und kann beruhigt zu Bett gehen, weil der kleine Racker sich auf einem Motorrad in dieser Titankugel das Adrenalin aus dem Körper rast.





Wir schreiben den 24. September 1982.
Ein gar grausiges Geräusch ertönt urplötzlich aus der Unterhaltungsröhre, es geht durch Mark und Bein, es zieht einem die Schuhe aus. Papi in Funktion des vor kollektiver Familientaubheit schützenden Stammesoberhaupts kriecht auf all seinen Gliedmaßen stöhnend zur Flimmerkiste, um den frühzeitigen Lauschertod durch gezielte Schläge auf den AUS-Knopf zu verhindern.
Nach einer professionellen Gehörgangsspülung steht die noch benommene Mischpoke im Krankenhausflur und versucht verzweifelt, die Ursache für die Kopfquälerei zu ergründen, als nach und nach immer mehr Menschen mit Löffelpein in die Klinik stolpern.
„Was haben sie gesehen?“, fragen die Ärzte und die, die überhaupt Antwort geben können, flüstern unter Schmerzen:
„Gesehen? Schlimmer ist, was ich gehört habe…diese Stimme…“
Für viele die letzten Worte vor dem Kurzzeitkoma.
Erst am nächsten Tag wird durch Zeitungsmeldungen klar:
Die erste Folge von „Pumuckl“ wurde ausgestrahlt.

Das krächzende und von Hans Clarin synchronisierte Wesen stellte damalige Fernsehlautsprecher auf eine gewaltige Probe und viele Physiker waren kurzzeitig der Meinung, dass der Schall zwar in den meisten Fällen als Welle verlaufe, aber bei Pumuckls Stimme auch gut und gern als ohrenschmalzvernichtender Zickzack-Blitz in Erscheinung treten könnte.
Kurzzeitige Überlegungen seitens der Politik, Schallschutzwände in Wohnzimmerformat an die Bevölkerung auszugeben, wurden aufgrund der Kostenproblematik wieder eingestellt.
Viele Schwerhörige der heutigen Generation waren früher den Geschichten des Kobolds ausgesetzt!
Wenn er doch bloß nicht gesungen hätte…doch das exzentrische „HURRA, HURRA, DER PUMUCKL IST WIEDER DA!“ hat sich für viele unauslöschbar in die Ohrmuschel gefräst und die meisten leiden bis heute.

Runde 25 Jahre später hat ein Großteil der Menschheit seine Ruhe und der Pumuckl schlichtweg keine Lobby mehr und das ist gut so. Nur noch nostalgieverliebte Zeitgenossen (vermutlich mit Hörgerät) trauern der Zeit hinterher, in der ein leger gekleideter Zeichentrickzwerg Abenteuer epischen Ausmaßes in einer unaufgeräumten Schreinerwerkstatt durchleidet.
Der Rest rümpft die Nase und wendet sich anderen Kindersendungen zu. Würde man Knirpse der Neuzeit mal befragen, was sie so vom Pumuckl halten, was für Antworten kämen heraus?
„Ey, keine Raumschiffe!“
„Wieso kann der Gustl seinen Hobel nicht auch als Pumpgun benutzen?“
„Wie zur Hölle kann dieser Winzling barfuß durch die Schreinerwerkstatt laufen, da liegen doch bestimmt überall Nägel, was auf immense Verletzungsgefahr hindeutet, das ist nichts für Kinder!“
Nun, der letzte Satz würde nicht von einem Kind, sondern von Günter Beckstein stammen, aber die Essenz ist und bleibt dieselbe:
Pumuckl rockt nicht, flasht nicht, haut nich rein.
Das fetzige Leben der neuzeitlichen Fernsehsendungen findet weit außerhalb von Werkstätten statt. Und wie schon erwähnt, das ist auch okay. Würden wir alles Schlammige, was mal hip und in war, aus dem Sumpf der Vergangenheit an die Oberfläche ziehen, wie viel mehr bekloppt als sowieso schon könnten wir geraten?
Die Menschen schnitzen sich auch keine Nierentische, weil es schlicht und einfach scheiße ausschaut im ansonsten feinfühlig aufeinander abgestimmten Feng-Shui-Wohnzimmer. Klar, es gab eine Zeit, da stolperten die Brigittes und Ulrichs dieser Welt in deutsche Partywohnzimmer hinein und legten für gepflegte Zungenküsse die gerade noch so leidenschaftlich gerauchte Zigarette in den extra auf einem Nierentisch platzierten Aschenbecher ab, aber da heute kaum einer raucht und Zungenküsse laut gewisser Studien die Fähren der Bakterien sind, haben auch Nierentische Reiz und Sinn verloren.
Mit dem Fernsehen ist es nicht anders, gefragt sind heute Konflikte auf allen möglichen metaphysischen und auch körperlichen Ebenen, wenn es geht, auch gern gleichzeitig.
Wie viel Konfliktpotential steckt in einem Ragga-Gnom, der eine Nase voller Warzen hat?
Eben.

Die wirklich wahren Dramen finden sowieso weit außerhalb der Fiktion in der Wirklichkeit statt, auch wenn das ja eigentlich umgekehrt der Fall sein sollte.
Denn die (geistige) Pumucklerfinderin Ellis Kaut und die Zeichnerin des Kobolds Barbara von Johnson wissen nämlich nicht wohin mit ihren ganzen Tantiemen, als sie ausgebildeten Juristen in den Rachen zu schmeißen.
Die Barbara wollte – das mangelnde Konfliktpotential der Figur Pumuckl erkennend – eine Freundin für den kleinen Kobold schaffen, kleine Kinder sollten ne Pumuckline zu Papier bringen. Das fand Ellis nun gar nicht schick, einer eifersüchtigen Freundin gleich lehnte sie es zeternd ab, dass der kleine Klabauternachfahre ein Weib an seine Seite bekommt.
Dass man so etwas nicht einfach bei einer netten Tasse Kaffee mit anschließendem Kampf auf Leben und Tod im Petuniengarten, sondern in deutschen Gerichtsgebäuden ausficht, ist schon schlimm genug.
Schlimmer jedoch sind die scheinbar ernst gemeinten Äußerungen der beiden. Es fängt damit an, dass Frau Johnson meint, dass „der Pumuckl eine Freundin verdient habe.“
Ja womit denn?
War er einsam bei Meister Eder?
Wohl kaum, der Pumuckl hatte einen sichtlichen Wonnespaß daran, wie der tasmanische Teufel durch die Schreinerwerkstatt zu wirbeln. Ich kenne keine andere Geschichte, wo einem derartigen Chaoten eine Frau an die Seite gestellt wird.
Einsamkeit und sexuelle Abstinenz kann es auch nicht sein, es sei denn, die ARD hat uns die Folge, in der ein frustrierter Pumuckl wild onanierend durch die Werkstatt hüpft, rigoros vorenthalten. Trifft man im echten Leben Männer, die in Werkstätten wohnen und auch sonst keinen Sinn für Ordnung haben, kommen die wenigsten mit Frau und Behauptung um die Ecke, dass man sich die jetzt aber mal wirklich verdient habe.

Frau Kaut macht es aber nicht viel besser, denn sie behauptet steif und fest, dass der Pumuckl ein Nachfahre der Klabauter und somit ein Engel sei, Engel geistlos sind und Kinder zeugen da eh nicht in Frage kommen würde.
„Nanana!“, schimpfen wir da von unserem Moralthron herab. Bevor da irgendein kleines Wesen ans Kindermachen denkt, wird erst mal ordentlich geheiratet und nicht wild drauf losgehobelt.
Natürlich sind wir froh, dass Frau Kaut Geistwesen betreffend so exzellent Bescheid weiß, aber wird uns bang, wenn man davon ausgehen muss, dass geistlose Wesen nicht auch mal irdischen Freuden nachgehen dürfen.
Wie sich das ganze nun genau verhält, wird nicht erläutert. Sind Koboldmänner und Koboldfrauen räumlich sphärisch getrennt wie einst die Menschen auf Internaten? Und wo kommen dann die Koboldkinder her? Gibt es dafür Koboldstörche? Viele offene Fragen, aber wir haben auch noch viele Jurastudenten, die bestimmt gern mal nach ihrem Staatsexamen auf Beantwortung drängen.

Und wenn erst mal ne Koboldfrau da ist? Nun, dann wird aufgeräumt und durchorganisiert in Meister Eders Hobelhalle, dann werden Schuhe gekauft und es wird hingebungsvoll über die Koboldperiode geklagt. Wir sehen einen Pumuckl, der darüber diskutiert, warum er den Müll rausbringen muss und warum er sich das T-Shirt in die Hose stecken und sich die Nase von einem Schönheitschirurgen verschönern lassen muss.

Konfkliktpotential ist für die Justiz auf jeden Fall noch da, denn laut Frau Kaut, werde der Pumuckl niemals eine Freundin haben, das schließt sie vollkommen aus.
Ach, würd doch ein Drehbuchschreiber emporkriechen und uns in ein paar Jahren nen CGI-Film präsentieren, in der der kleine Kobold (bestehend aus sieben Trilliarden Polygonen, mit physikalisch korrekt dargestellter Haarpracht) sich auf die Suche nach der Liebe seines Lebens macht und an einer übermächtigen Ellis Kaut vorbei muss.
Da wir zu diesem Zeitpunkt die Schnauze voll haben von Spiderman 7 und Fluch der Karibik Drölf, rennen wir wie bekloppt barfuß ins Kino, tragen grüne Hosen und gelbe Shirts und sind total retro, kritteln aber nach dem 3 Stunden Epos „Pumuckl auf der Suche nach der großen Liebe und reversiblen Stimmbändern“ an der überdimensionierten Technik herum, gehen aber trotzdem zufrieden nach Hause.
Selbstredend wird einige Monate später in einem düsteren Winkel einer versifften Videothek ein ab-18-Filmchen mit dem Titel „Pumuckl, der wahre Hobel und seine geile Klabauterbraut“ auftauchen und für peinliche Momente vorbeiziehender älterer Pärchen sorgen.

Doch egal, ob nun Porno oder nicht: Der Pumuckl hat längst einen Sohn. Es wurde nach der Geburt allerdings in ne Babyklappe geschmissen und geht bis heute der Kinderarbeit nach. Wir sehen es häufig im Fernsehen, es hat die Form eines T-Shirts und krächzt:
„KLEIDUNG CLEVER KAUFEN BEI KIK!“
Und wieder kriechen Väter auf all ihren Gliedmaßen zum Fernseher…


Ob Klabautermann oder Klabauterfrau: Der Newsletter zu "Pennys Wochenrückblicken" kann per Email an pennysworue@gmx.de bestellt werden!

3 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Ein schöner Worü =)

25/5/07 08:19  
Anonymous Anonymous said...

Es ist echt schon verwunderlich aus was für vermeintlich unbedeutenden Geschehnissen Du immer wieder was Lustiges zu "Papier" bringst. Aber ich hab da mal ne Frage: Kommt es mir nur so vor... oder hast Du im sechsten Absatz mal einen Ausflug in die autobiografische Welt eines Schreiberlings gewagt?

25/5/07 16:34  
Anonymous Anonymous said...

Hey mister..! :)
Sehr schön, sehr schön..!
Was für ein Thema, aber ich glaube, die ganzen hörgeschädigten Menschen aus der Zeit (wozu ich eigtl auch gehöre als Baujahr 1982 und hin und wieder kam man eben nicht drum rum es zu sehen UND zu hören) ;) arbeiten bei der ARD und setzen sich tag für tag dafür ein, dass die Mainzelmännchen nicht verschwinden.. in diesem Sinne, "guten abend" :)

30/5/07 00:21  

Post a Comment

Subscribe to Post Comments [Atom]

<< Home