20.1.07

Pennys Wochenrückblick Folge 81: Revenge of the Nature, Germany vom Winde verweht!

Jetzt ist alles vorbei.
Tote Äste liegen wie morsche Knochen auf den Strassen und singen ein stummes Klagelied, in dessen Refrain bestimmt die Worte „lieblicher“ und „Stamm“ vorkommen.
Rote Ziegel liegen zerbröselt und frustriert zusammengefegt im Rinnstein und harren der Dinge die da noch kommen mögen, es war ein harter Sturz vom Dach der Welt auf den (Ziegel-)Boden der Tatsachen.
Eisenbahnschienen schicken dreiseitige Beschwerdebriefe an den Vorstand der Deutschen Bahn, sie hätten nichts zu tun, dies sei ein auf Dauer nicht haltbarer Zustand.
Und die Menschen?

Ja, die Menschen.
Angefangen hat die Woche ja noch recht harmlos, ein bisschen windig werde gegen Donnerstag, das konnte man den wetterorakelnden Fröschen im Anzug nach den Nachrichten entnehmen.
Man war sich jedoch recht schnell einig – vermutlich hatte man einen etwas genaueren Blick in die Glaskugel gewagt – dass man es hier eher mit einem Orkan zu tun und man sich auf einen heißen Tanz einzustellen habe.
Es passierte, was immer passierte, wenn in Deutschland alle vier Jahre ein Sturm durchzieht:

Man wird komisch.

Zunächst wurden genauestens die Nachrichten verfolgt. In Zeiten ständig abrufbereiter Information via Fernseher und Internet konnte man minutengenau verfolgen, wann der Sturm wo vorbei ziehen würde. So konnte man genau planen, ob die heraushängende Post im
Briefkasten Wegflieg-Potenzial entwickelt und ob die Wäsche eventuell doch besser nicht auf dem Balkon stehen bleibt.
Höhenlagengeschwindigkeitsrekordprognosen wechselten sich ab mit der ständig wiederholten und dringenden Warnung, dass man am Donnerstag am besten gleich zu Hause bleiben solle, ein schöner Ansatz zwar um der Sicherheit aller Deutschen einen Vorschub zu leisten, doch aufgrund der Tatsache, dass manche trotzdem arbeiten mussten, leider nicht flächendeckend durchführbar.
Schon bald hatte jeder – wie eigentlich bei jedem Wetter – eine Meinung parat.
Vom harmlosen „Huihuihui, da kommt aber ganz schön was auf uns zu!“ bis zu einem apokalyptischen „Das ist dann wohl das Ende der Welt!“ reichte die Palette amateurmeteorologisch geschulter Mitglieder unserer Bevölkerung.

Schlimm und gruselig sind aber Menschen, die den Orkan personifizieren und ihm Vorsätzlichkeit, Bösartigkeit und schlechte Laune vorwerfen.
So können manche Menschen aufgrund der Dramaturgie nicht einfach sagen, dass „es 110 Verletzte bei dem Sturm gab“, sondern es war der Sturm selber, der dies verursacht hat.
Wenn man dann noch den diabolischen Namen "Kyrill" trägt, sind die Leute sowieso davon überzeugt:
Es handelt sich dabei eindeutig um

Riewäntsch of the Näjtscha.

Dabei haben wir es hier mit typisch menschlichem Verhalten zu tun. Denn weil wir leider alle keine voll ausgebildeten Kachelmanns sind, was Kumuluswolken und deren Entstehung betrifft, müssen wir jemandem die Schuld geben und den Zeigefinger empört ausstrecken.
Diesmal ist’s eben Kyrill.
Da kommt schon das Grausame im Namen durch.
Klar, Stürme, die "Winnifred" oder "Curly Sue" heißen, die nimmt keiner ernst, aber Kyrill?
Da stellen wir uns doch einen richtig mies gelaunten Orkan vor, der morgens unrasiert seinen verfilzten Hut aufsetzt, seinen Koffer in die Hand nimmt, seiner Tornadofrau keinen Abschiedskuss gibt und mit herunterhängenden Mundwinkeln und zerfurchter Stirn zur Arbeit…weht.
„Muss n bisschen Wind machen!“ grummelt er seiner Tornadofrau hinterher, während die aufgeregt durch die Wohnung wirbelt.
Mutter Natur ist natürlich die Konzernchefin von all diesen bösartigen Orkanen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen.

Was Mutter Natur anordnet, muss ausgeführt werden.
Rütteln, spucken, Bäume umknicken.
Die haben sowieso einen schweren Stand, werden auch personifiziert
Mein Freund der Baum, das war gestern, in der landläufigen Vorstellung sind seit dieser Woche Bäume Typen, die versammelt am Straßenrand stehen, sich aufplustern und Autos demolieren.
Terror Trees sozusagen.
Wenn man Mutter Natur und dem bösen Herrn Kyrill wirklich eine böse und nicht gut gelaunte Absicht unterstellt, muss man aber doch sagen, dass wir es dann mit Schlampigkeit zu tun hätten.

Eine richtig fiese Mutter Natur würde sich nämlich nicht einfach nur mit ein paar umgestürzten Bäumen begnügen, ich denke, das könnten wir uns von der Backe putzen.
Erdspalten voll stinkender Chemikalien und lodernder Feuer würden sich auftun, in die wir mit unseren die Atmosphäre verpestenden Autos hineingurken.
Mutter Natur würde herabkommen vom Himmel (oder von wo die gute Dame auch immer wohnt), schrill kichern und ein Inferno lostreten, welches die Welt noch nicht gesehen hat und wogegen die apokalyptischen Reiter wie eine Krabbelgruppe auf Kartoffelbrei aussehen würde.
Aber ist ja nun mal alles Humbug.
Sämtliche Experten verkünden ab Windstärke siebenkommafünf, dass jetzt aber wirklich Schluss sein muss mit der Umweltverschmutzung. Dies wird vehement gefordert, flaut aber mit dem Wind proportional wieder ab.
Ist ja sowieso mittelprächtiger Unsinn, schließlich haben wir auch schon Eiszeiten gehabt, ohne dass jahrhundertlang zuvor Autos über den Globus gebraust sind.
Denkt der Bürger und steigt in seinen 25 Liter Jeep.

Nun, woran wir merken, dass es uns trotz Kyrill mit Hut trotzdem noch ganz gut geht?
Es gibt immer noch Tausende, die das ganze fotografisch dokumentieren und an Zeitungen schicken. Private Fotos privater Menschen.
Als könnte ich mir selbst nicht vorstellen, wie das so ausschaut, wenn der Wind draußen eine Nummer zu heftig weht.
Als wenn ich nicht einfach meine Jalousie hochziehen und rausgucken könnte.
Aber nein, andere riskieren ihr Leben nur für mich, machen klick, und transportieren Daten von A nach B, damit ich mich am nächsten Tag an der Bildervielfalt erquicken kann, ach guck mal hier und guck mal da, ein Baum auf einem Auto, welch Überraschung.
Wir sehen: Kyrill war noch nicht krass genug. Die Leute nageln noch keine Bretter vor die Fenster und man versteckt sich noch nicht im Keller.
Ich fürchte allerdings, dass wir dann, wenn dies einst passiert mit Sonderseiten rechnen müssen:
"Die besten Kellerfotos.
So lebten wir unter Horrororkan Edmund."


Euch allen eine windfreie Woche.

1 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Ich liebe diese Wochenrückblicke.
Nächste Woche ist dann das Schneechaos angesagt. Denk an meine Worte !
Sehr schön, wie immer.
M.

20/1/07 19:43  

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