Pennys Wochenrückblick Folge 85: Da simmer dabei...Frohe Valefassetinsweibertachnacht!
Fast jeder kennt die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.
Aber nur wenige haben sich wirklich damit beschäftigt, geben Sie es ruhig zu.
Die meisten wissen nur, aha, da trinkt wer einen Trank und verwandelt sich in etwas Unangenehmes, stellt Unfug an, hinterlässt deutliche Spuren.
Bei vielen Arbeitnehmern ist es heute eher umgekehrt, die transmutieren zu ungemütlichen Wesen, wenn sie morgens ihren Kaffee nicht bekommen.
Nur in dieser Woche ist alles ein bisschen anders gewesen. Diese Woche waren wir alle Dr. Jekyll…und auch Mr. Hyde. Welche Identität von beiden nun positiver ist: man wird sehen.
Mittwoch
Dr. Jekyll
Der Morgen erwacht.
Hoffnung ruht auf sanften Kissen, Frauenlider tun sich auf, wie liebevolle Garagentüren. Sehnsuchtsvolle Blicke werden auf noch schlafende Männerschultern geworfen und von bitteren Tränen durchzogene Gedanken rasen durch sorgenvolle Frauenköpfe.
Wird er es schaffen? Wird er es durchstehen?
Panik ruht auf vollgesabberten und zerschnarchten Kissen. Männerlider tun sich verkrustet auf, wie der Schlund zur Hölle. Gierige Blicke werden auf leere Schlafplätze geworfen…verdammt, die Frau ist schon zur Arbeit… und von Unruhe durchzogene Gedanken rasen durch leere Männerhirne.
Was warn heut noch mal?
Zärtliches Frauen-Geschnatter im Büro, liebevolles Wispern heut. Keine Gezicke, kein Gezeter, kein Geschrei. Kaffeeduft schwängert den Raum. Frauenaugen blicken sich im Pausenraum über Tassenrändern an, suchen Blicke, finden welche. Alle denken dasselbe, alle hoffen auf…ein Wunder.
Grölendes Gejohle aufm Bau. Endloses Wiederholen von Jubelarien. Es wird Kaffee verschüttet. Zwiebelmettbrötchen werden verschlungen und das Fleisch quillt zwischen Zahnlücken hervor. Die Augen sind weit, bleiben weit, wollen alles aufsaugen. Mayer-Lansky hat den neuen Playboy mitgebracht.
Fernab der Szenerie sitzt ein Mann, nippt nachdenklich an seiner Kaffeetasse und knetet sich danach gar wild und verzweifelt die Unterlippe.
Er denkt: Dose?
Mittags in der Innenstadt. Frauen gehen in Frauenläden und stieren auf Unterwäsche. Seide, Satin, in allen Farben, in allen Formen. Mit stolzem Schritt wandern sie in Umkleidekabinen, und streifen diesen Hauch von Nichts über ihre Körper. Befinden es für gut und gehen wie die Lemminge zur Kasse. Während es rattert in der Kasse und schnarrt in der Tüte, blicken sie in die Ferne – die in diesem Fall das Regal mit den Handtaschen darstellt – und verlieren sich in Gedanken:
Wird er es schaffen? Wird er es zu schätzen wissen?
Mittagspause aufm Bau. Da der Playboy mittlerweile in seine Einzelteile zerlegt wurde, streunt man in den Supermarkt. Es werden Witze gerissen zu den verschiedensten Themen. Es wird Schinken gekauft, neuer Kaffee. An der Kasse macht man sich über die dicke Kassiererin lustig. Wie sie in ihr Kassenhäuschen bloß reinpassen würde. Und wer sie da abends wieder raus schneidet. Doch ein Mann blickt zur Decke, sucht dort vergeblich nach Antworten.
Er denkt:
Lose?
Feierabend, der Pulsschlag steigt.
Spitze Absätze klickerdiklockern über Asphalt, immer am Rande des Wadenbeinruchs entlang. Gehetzt und in der Dreißiger Zone einhundertzwanzig Kilometer schnell fährt sie im zweiten Gang nach Haus, tritt fast die Tür ein, Zeug fliegt durch die Luft, verweilt dort einen kurzen Moment, um die nette Aussicht zu genießen und sinkt wieder zu Boden. Noch bevor dies passiert, steht die Frau schon unter der Dusche. Der Rasierer wird geschwungen, entscheidende Körperpartien werden eingeseift, weniger entscheidende auch. Nichts dem Zufall überlassen. Sie hetzt heraus aus der Dusche, bricht sich fast ihr zärtliches Genick am Seifenspender, während sie mit einem Abtropfgewicht von 60 Kilo in die Küche eilt und den Herdknopf drückt. Trocknen kann man schließlich auch beim Kochen. Nackt steht sie da und bereitet ein Mahl zu, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Nudeln schwimmen, Fleisch brät, Gewürze fliegen, Pfeffermühlen knacken, Dunstabzugshauben ziehen Dunst haubenartig ab.
Die Scheiben beschlagen. Sie beschlagen.
Feierabend, er sitzt müde in der Bahn, sei Blick auf schmutzverkrustete Schuhe geheftet. Es sind die eigenen, doch das kümmert den Mann nicht. Er kommt nicht mehr aus dem Grübeln heraus. Zwischen playmatedurchseuchten Gedanken blitzen immer wieder Schlagwörter hervor.
Mimose….Klose….
Klose? Jaaaa, heut Abend spielt ja Werder in der Champions Legaue…
Doch da war doch noch was anderes.
Sie liegt quer auf der Couch, der Satinstoff knistert leise.
Vielleicht ein Bein auf die Sofakante?
Oder noch ein bisschen Gloss auf die Lippen?
Auf dem Tisch dampft das Jahrhundertmahl, ein kleines Stückchen Petersilie verkümmert im Müllschlucker. Es hatte zunächst neben dem Fleisch gelegen, bis sie es ganz aufgeregt wieder hinunterzupfte und sich selbst immer wieder ermahnte.
Mein Mann ist kein Kater.
Mein Mann ist kein Kater.
Mein Mann ist kein…
Da!
An der Tür drei Stockwerke tiefer rascheln Schlüssel.
Leberzirrhose….Sklerose…Neurose…
Müde erklimmt er die Treppen, Panik kriecht seinen geschundenen Körper hinauf, was tun, was machen, was hab ich bloß vergessen. Und wieso reim ich hier wie so ein bescheuerter drauf los?
Der Schlüsselbart wühlt sich in das Schloss seiner Wohnungspforte, klackend gibt es den Weg frei ins Armageddon. Während die Tür aufschwingt und er seine Frau halbnackt auf der Couch vorfindet, schießt ihm das Todesurteil durch den Kopf.
Rose…
Rose.
Donnerstag, der nächste Morgen.
Mr. Hyde.
Verzweiflung ruht auf sanften Kissen. Kein Blick hinüber. Sie steht auf, hat zum Glück Urlaub, schält sich in Lederstiefel, die bis zu den Knien reichen. Wirft einen Rock über. Und ne Bluse. Gleich ist’s 11 Uhr 11.
Schwarze Träume winden sich in sanften Kissen. Braune Soße verteilt sich über der Wand, ein Blumenkübel liegt auf dem Boden, es fliegt Hack durch die Gegend. Und auch Nudeln. Und – weil es ein Traum ist - auch Kroketten. Kroketten. Verheulte Augen schreien ihn an, wie er es wagen könnte…ober nicht ein bisschen…was ihm das denn alles noch… Dann schreckt er hoch.
Sie gilt als unkonventionell und ein bisschen rebellisch. Deswegen nimmt sie eine Stichsäge für die Schlipse. Da bekommt man neben dem Krawattenstück auch gleich noch einen lustigen Gesichtsausdruck umsonst dazu. Sie hat sowieso nicht gut geschlafen. Vor ihr türmt es sich auf und in wenigen Minuten ist es soweit. Das Rathaus. Doch sie ist nicht die einzige.
Er steht auf und kratzt sich den Bauch, wie nur Männer es können. Kratz, kratz. Schaaab. Kratz. Er schmatzt, wie nur Männer es können. Schmatz.
Sie hat die Stichsäge mitgenommen. UND die Lederstiefel. Er nahm sich vor – wirklich fest vor – den Valentinstag nächstes Jahr nicht zu vergessen.
Körper fliegen übereinander, Frau Grabwoski von nebenan versucht, in einem lächerlichen Bienenkostüm an den Bürgermeister heranzukommen. Vielleicht hätte ihr einer beim Kostümverleih sagen sollen, dass man damit nicht fliegen kann, egal, wie bescheuert man darin aussieht. Doch dank der Lederstiefel und der Stichsäge ist das alles kein Problem. Sie sägt in einem unbeobachteten Moment die Plastikflügel ab. Man kann ja nie wissen. Und dann stand sie vor ihm, während hinter ihr die anderen frustrierten Frauen noch miteinander rauften und rangen.
Ihr Blick bekam etwas diabolisches, der des Bürgermeisters war nicht so leicht zu deuten. Irgendetwas zwischen endlosem Entsetzen und ankündigender Erleichterung. Gleich würde es vorbei sein.
Kratz, Schab.
Warum jucken Männerbäuche bloß immer?
Oder ist es ein Reflex? Heute ebenfalls frei, Treffen mit Kalle und Michi. Sie hatten natürlich auch die Geschenke vergessen, aber bei Kalle war man sich recht sicher, dass man ihn schon am Nachmittag aus der Ambulanz würde entlassen können.
Müde Hände machen sich auf die Suche nach einem halbwegs gebügelten T-Shirt.
Sie schreit. Sie schreit so richtig. Mit der Krawatte des Bürgermeisters in der Hand fühlt sie sich wie eine Königin. Sie könnte JEDEN Binder bekommen. Sogar Fliegen. Mit der Säge – kein Problem.
In der Turnhalle der Grundschule findet eine Prunkstitzung statt, mit ihren Freundinnen nimmt sie daran teil. Unter lautem Geheul der Stichsäge brüllt die den Büttenredner an.
„HERRGOTT, DU FREAK. NIMM DEN TENNISBALL AUS DEM MUND UND WÄHL HOCHDEUTSCH ALS ERSTE FREMDSPACHE, ICH-VER-STEH-NIX!“
Die Freundinnen gackern, schenken Prosecco nach und schmieren sich Glitzer ins Gesicht.
„Wo gehen wa hin?“
„Weiß nich.“
„Zur Prunkstitzung? Inne Turnhalle?“
„Du bist ja bekloppt…“
„Vielleicht lieber zu Kalle? Inne Kneipe?“
„Herrgott, da sind wir jedes Jahr. JE-DES JAHR. Der Ede hält dann wieder ne Rede, weil er sich so wichtig machen will. Über Politik. Auf Kölsch. Und der kann den Dialekt gar nicht. Warum sagt ihm keiner, dass er nicht als Rheinländer durchgeht, nur weil er an jedes Wort ein
`schö dranklatscht?“
„Abba wo solln wa denn hin? Für’s Luxurior hab ich keine passenden Schuhe…“
„…und kein passendes Hemd!“
„Ja und kein passendes He…“
„Und keine passende Hose…“
„Ja, ich weiß, auch keine pa…“
„Und auch kein passendes Gesicht!“
Stille.
Gefolgt von Lachen. So können nur Männer lachen.
An Weiberfastnacht, wenn sie resignieren und in Kalles Kneipe wandern.
Dort gibt es Frauen mit Zylinder und ohne. Eine trägt ein Broccolikostüm. Eine andere sieht aus wie eine Hexe, vielleicht geht sie aber auch als Tannenbaum. Sie legt die Stichsäge nie ab. Nie. Es könnte ja noch ne Krawatte kommen, auch zu so später Stunde.
Sie hebt die Hände zum Himmel und gröhlt Viva Colonia, sie trinkt Wodka mit Red Bull, Wodka ohne Red Bull und einen guten Schluck Feuerzeugbenzin von einem Thresennachbarn. Ihre Kehle ist rau, ihre Lider schwer.
Sie wollte nur eine Rose. Mehr nicht.
Als Dirty Dancing’s Time of my Life erklingt, flippen sie und ihre Freundinnen im Kollektiv aus. An entscheidender Stelle lässt sie sich von ihnen hoch heben, natürlich geht das ganze schief, Red Bull verleiht eben doch keine Flügel und die Stichsäge fräst sich durchs Tanzparkett. Sorgende Männerhände hieven sie hoch, geben ihr einen aus, es werden Küsse verteilt, unabhängig von Grippe und Norovirus.
Gegen Vier ist endlich Schluss. Wankende Gestalten versuchen, den Abschlusssong textsicher über die Lippen zu bringen, alle Strophen misslingen. Man torkelt ins Taxi, bricht dem Fahrer ins Handschuhfach, zahlt 275 Euro für Fahrt und Reinigung und stolpert ins Bett.
Vielleicht wird nächstes Jahr alles besser, denkt sie, kurz vorm Delirium.
Denkt er, während Ede beginnt, über die Gesundheitsreform eine Bütt zu halten.
Wir müssen nur an die Rose denken.
Nur an die Rose.
Wer an Wochenrückblick und Rosenkauf erinnert werden möchte, abonniert den Newsletter. Schreibt einfach eine Email an pennysworue@gmx.de.
Aber nur wenige haben sich wirklich damit beschäftigt, geben Sie es ruhig zu.
Die meisten wissen nur, aha, da trinkt wer einen Trank und verwandelt sich in etwas Unangenehmes, stellt Unfug an, hinterlässt deutliche Spuren.
Bei vielen Arbeitnehmern ist es heute eher umgekehrt, die transmutieren zu ungemütlichen Wesen, wenn sie morgens ihren Kaffee nicht bekommen.
Nur in dieser Woche ist alles ein bisschen anders gewesen. Diese Woche waren wir alle Dr. Jekyll…und auch Mr. Hyde. Welche Identität von beiden nun positiver ist: man wird sehen.
Mittwoch
Dr. Jekyll
Der Morgen erwacht.
Hoffnung ruht auf sanften Kissen, Frauenlider tun sich auf, wie liebevolle Garagentüren. Sehnsuchtsvolle Blicke werden auf noch schlafende Männerschultern geworfen und von bitteren Tränen durchzogene Gedanken rasen durch sorgenvolle Frauenköpfe.
Wird er es schaffen? Wird er es durchstehen?
Panik ruht auf vollgesabberten und zerschnarchten Kissen. Männerlider tun sich verkrustet auf, wie der Schlund zur Hölle. Gierige Blicke werden auf leere Schlafplätze geworfen…verdammt, die Frau ist schon zur Arbeit… und von Unruhe durchzogene Gedanken rasen durch leere Männerhirne.
Was warn heut noch mal?
Zärtliches Frauen-Geschnatter im Büro, liebevolles Wispern heut. Keine Gezicke, kein Gezeter, kein Geschrei. Kaffeeduft schwängert den Raum. Frauenaugen blicken sich im Pausenraum über Tassenrändern an, suchen Blicke, finden welche. Alle denken dasselbe, alle hoffen auf…ein Wunder.
Grölendes Gejohle aufm Bau. Endloses Wiederholen von Jubelarien. Es wird Kaffee verschüttet. Zwiebelmettbrötchen werden verschlungen und das Fleisch quillt zwischen Zahnlücken hervor. Die Augen sind weit, bleiben weit, wollen alles aufsaugen. Mayer-Lansky hat den neuen Playboy mitgebracht.
Fernab der Szenerie sitzt ein Mann, nippt nachdenklich an seiner Kaffeetasse und knetet sich danach gar wild und verzweifelt die Unterlippe.
Er denkt: Dose?
Mittags in der Innenstadt. Frauen gehen in Frauenläden und stieren auf Unterwäsche. Seide, Satin, in allen Farben, in allen Formen. Mit stolzem Schritt wandern sie in Umkleidekabinen, und streifen diesen Hauch von Nichts über ihre Körper. Befinden es für gut und gehen wie die Lemminge zur Kasse. Während es rattert in der Kasse und schnarrt in der Tüte, blicken sie in die Ferne – die in diesem Fall das Regal mit den Handtaschen darstellt – und verlieren sich in Gedanken:
Wird er es schaffen? Wird er es zu schätzen wissen?
Mittagspause aufm Bau. Da der Playboy mittlerweile in seine Einzelteile zerlegt wurde, streunt man in den Supermarkt. Es werden Witze gerissen zu den verschiedensten Themen. Es wird Schinken gekauft, neuer Kaffee. An der Kasse macht man sich über die dicke Kassiererin lustig. Wie sie in ihr Kassenhäuschen bloß reinpassen würde. Und wer sie da abends wieder raus schneidet. Doch ein Mann blickt zur Decke, sucht dort vergeblich nach Antworten.
Er denkt:
Lose?
Feierabend, der Pulsschlag steigt.
Spitze Absätze klickerdiklockern über Asphalt, immer am Rande des Wadenbeinruchs entlang. Gehetzt und in der Dreißiger Zone einhundertzwanzig Kilometer schnell fährt sie im zweiten Gang nach Haus, tritt fast die Tür ein, Zeug fliegt durch die Luft, verweilt dort einen kurzen Moment, um die nette Aussicht zu genießen und sinkt wieder zu Boden. Noch bevor dies passiert, steht die Frau schon unter der Dusche. Der Rasierer wird geschwungen, entscheidende Körperpartien werden eingeseift, weniger entscheidende auch. Nichts dem Zufall überlassen. Sie hetzt heraus aus der Dusche, bricht sich fast ihr zärtliches Genick am Seifenspender, während sie mit einem Abtropfgewicht von 60 Kilo in die Küche eilt und den Herdknopf drückt. Trocknen kann man schließlich auch beim Kochen. Nackt steht sie da und bereitet ein Mahl zu, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Nudeln schwimmen, Fleisch brät, Gewürze fliegen, Pfeffermühlen knacken, Dunstabzugshauben ziehen Dunst haubenartig ab.
Die Scheiben beschlagen. Sie beschlagen.
Feierabend, er sitzt müde in der Bahn, sei Blick auf schmutzverkrustete Schuhe geheftet. Es sind die eigenen, doch das kümmert den Mann nicht. Er kommt nicht mehr aus dem Grübeln heraus. Zwischen playmatedurchseuchten Gedanken blitzen immer wieder Schlagwörter hervor.
Mimose….Klose….
Klose? Jaaaa, heut Abend spielt ja Werder in der Champions Legaue…
Doch da war doch noch was anderes.
Sie liegt quer auf der Couch, der Satinstoff knistert leise.
Vielleicht ein Bein auf die Sofakante?
Oder noch ein bisschen Gloss auf die Lippen?
Auf dem Tisch dampft das Jahrhundertmahl, ein kleines Stückchen Petersilie verkümmert im Müllschlucker. Es hatte zunächst neben dem Fleisch gelegen, bis sie es ganz aufgeregt wieder hinunterzupfte und sich selbst immer wieder ermahnte.
Mein Mann ist kein Kater.
Mein Mann ist kein Kater.
Mein Mann ist kein…
Da!
An der Tür drei Stockwerke tiefer rascheln Schlüssel.
Leberzirrhose….Sklerose…Neurose…
Müde erklimmt er die Treppen, Panik kriecht seinen geschundenen Körper hinauf, was tun, was machen, was hab ich bloß vergessen. Und wieso reim ich hier wie so ein bescheuerter drauf los?
Der Schlüsselbart wühlt sich in das Schloss seiner Wohnungspforte, klackend gibt es den Weg frei ins Armageddon. Während die Tür aufschwingt und er seine Frau halbnackt auf der Couch vorfindet, schießt ihm das Todesurteil durch den Kopf.
Rose…
Rose.
Donnerstag, der nächste Morgen.
Mr. Hyde.
Verzweiflung ruht auf sanften Kissen. Kein Blick hinüber. Sie steht auf, hat zum Glück Urlaub, schält sich in Lederstiefel, die bis zu den Knien reichen. Wirft einen Rock über. Und ne Bluse. Gleich ist’s 11 Uhr 11.
Schwarze Träume winden sich in sanften Kissen. Braune Soße verteilt sich über der Wand, ein Blumenkübel liegt auf dem Boden, es fliegt Hack durch die Gegend. Und auch Nudeln. Und – weil es ein Traum ist - auch Kroketten. Kroketten. Verheulte Augen schreien ihn an, wie er es wagen könnte…ober nicht ein bisschen…was ihm das denn alles noch… Dann schreckt er hoch.
Sie gilt als unkonventionell und ein bisschen rebellisch. Deswegen nimmt sie eine Stichsäge für die Schlipse. Da bekommt man neben dem Krawattenstück auch gleich noch einen lustigen Gesichtsausdruck umsonst dazu. Sie hat sowieso nicht gut geschlafen. Vor ihr türmt es sich auf und in wenigen Minuten ist es soweit. Das Rathaus. Doch sie ist nicht die einzige.
Er steht auf und kratzt sich den Bauch, wie nur Männer es können. Kratz, kratz. Schaaab. Kratz. Er schmatzt, wie nur Männer es können. Schmatz.
Sie hat die Stichsäge mitgenommen. UND die Lederstiefel. Er nahm sich vor – wirklich fest vor – den Valentinstag nächstes Jahr nicht zu vergessen.
Körper fliegen übereinander, Frau Grabwoski von nebenan versucht, in einem lächerlichen Bienenkostüm an den Bürgermeister heranzukommen. Vielleicht hätte ihr einer beim Kostümverleih sagen sollen, dass man damit nicht fliegen kann, egal, wie bescheuert man darin aussieht. Doch dank der Lederstiefel und der Stichsäge ist das alles kein Problem. Sie sägt in einem unbeobachteten Moment die Plastikflügel ab. Man kann ja nie wissen. Und dann stand sie vor ihm, während hinter ihr die anderen frustrierten Frauen noch miteinander rauften und rangen.
Ihr Blick bekam etwas diabolisches, der des Bürgermeisters war nicht so leicht zu deuten. Irgendetwas zwischen endlosem Entsetzen und ankündigender Erleichterung. Gleich würde es vorbei sein.
Kratz, Schab.
Warum jucken Männerbäuche bloß immer?
Oder ist es ein Reflex? Heute ebenfalls frei, Treffen mit Kalle und Michi. Sie hatten natürlich auch die Geschenke vergessen, aber bei Kalle war man sich recht sicher, dass man ihn schon am Nachmittag aus der Ambulanz würde entlassen können.
Müde Hände machen sich auf die Suche nach einem halbwegs gebügelten T-Shirt.
Sie schreit. Sie schreit so richtig. Mit der Krawatte des Bürgermeisters in der Hand fühlt sie sich wie eine Königin. Sie könnte JEDEN Binder bekommen. Sogar Fliegen. Mit der Säge – kein Problem.
In der Turnhalle der Grundschule findet eine Prunkstitzung statt, mit ihren Freundinnen nimmt sie daran teil. Unter lautem Geheul der Stichsäge brüllt die den Büttenredner an.
„HERRGOTT, DU FREAK. NIMM DEN TENNISBALL AUS DEM MUND UND WÄHL HOCHDEUTSCH ALS ERSTE FREMDSPACHE, ICH-VER-STEH-NIX!“
Die Freundinnen gackern, schenken Prosecco nach und schmieren sich Glitzer ins Gesicht.
„Wo gehen wa hin?“
„Weiß nich.“
„Zur Prunkstitzung? Inne Turnhalle?“
„Du bist ja bekloppt…“
„Vielleicht lieber zu Kalle? Inne Kneipe?“
„Herrgott, da sind wir jedes Jahr. JE-DES JAHR. Der Ede hält dann wieder ne Rede, weil er sich so wichtig machen will. Über Politik. Auf Kölsch. Und der kann den Dialekt gar nicht. Warum sagt ihm keiner, dass er nicht als Rheinländer durchgeht, nur weil er an jedes Wort ein
`schö dranklatscht?“
„Abba wo solln wa denn hin? Für’s Luxurior hab ich keine passenden Schuhe…“
„…und kein passendes Hemd!“
„Ja und kein passendes He…“
„Und keine passende Hose…“
„Ja, ich weiß, auch keine pa…“
„Und auch kein passendes Gesicht!“
Stille.
Gefolgt von Lachen. So können nur Männer lachen.
An Weiberfastnacht, wenn sie resignieren und in Kalles Kneipe wandern.
Dort gibt es Frauen mit Zylinder und ohne. Eine trägt ein Broccolikostüm. Eine andere sieht aus wie eine Hexe, vielleicht geht sie aber auch als Tannenbaum. Sie legt die Stichsäge nie ab. Nie. Es könnte ja noch ne Krawatte kommen, auch zu so später Stunde.
Sie hebt die Hände zum Himmel und gröhlt Viva Colonia, sie trinkt Wodka mit Red Bull, Wodka ohne Red Bull und einen guten Schluck Feuerzeugbenzin von einem Thresennachbarn. Ihre Kehle ist rau, ihre Lider schwer.
Sie wollte nur eine Rose. Mehr nicht.
Als Dirty Dancing’s Time of my Life erklingt, flippen sie und ihre Freundinnen im Kollektiv aus. An entscheidender Stelle lässt sie sich von ihnen hoch heben, natürlich geht das ganze schief, Red Bull verleiht eben doch keine Flügel und die Stichsäge fräst sich durchs Tanzparkett. Sorgende Männerhände hieven sie hoch, geben ihr einen aus, es werden Küsse verteilt, unabhängig von Grippe und Norovirus.
Gegen Vier ist endlich Schluss. Wankende Gestalten versuchen, den Abschlusssong textsicher über die Lippen zu bringen, alle Strophen misslingen. Man torkelt ins Taxi, bricht dem Fahrer ins Handschuhfach, zahlt 275 Euro für Fahrt und Reinigung und stolpert ins Bett.
Vielleicht wird nächstes Jahr alles besser, denkt sie, kurz vorm Delirium.
Denkt er, während Ede beginnt, über die Gesundheitsreform eine Bütt zu halten.
Wir müssen nur an die Rose denken.
Nur an die Rose.
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3 Comments:
wie immer erste klasse;-) biste denn auch dabei und outest dich als karnevalsjeck???
wie immer göttlich. und? outest du dich denn als karnevalsjäck?
ich hab aufgelegt an Karneval :D Ich nehm das eigentlich alles eher mit Befremden zur Kenntnis und beobachte, hehe.
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