14.6.07

Pennys Wochenrückblick Folge 102: Full HD Dieter Bohlen für 80.000 Euro, Beklopptheit schon für 10!



Ein toller Fernseher (wie hier im Hintergrund links), ne fette Anlage (Hintergrund rechts) ein schickes Tattoo zum Abwischen (dank Tattoostift) und ne olle Holzklampfe. In Verbindung mit hässlichen Hausschuhen lässt sich so für knapp 17,50 Euro ne nette Stimmung erzeugen. Es geht aber auch teurer, doch lest selbst...






Ach man kann so viele schöne Dinge kaufen, wenn man nur das nötige Kleingeld über hat.
Ich suchte in dieser Woche einen Fernseher, flach soll er sein, denn das bollernde und ausladende und für viele doch recht unnütze Hinterteil eines TV-Gerätes – der Fernseharsch – ist nicht erst gestern aus der Mode gekommen. Einen Fernseher muss man an die Wand hängen können. Nicht, dass das früher nicht gegangen wäre, allerlei Seilschaften und dicke Haken waren allerdings von Nöten.
Weil das nicht schön aussah, stellte man Fernseher dorthin, wo sie hingehörten: in Phonoschränke. Holzige Ungetüme mit dicken Türen. Wie beim Kasperletheater, tadaaa, ein Fernsehaaaaa. Diese wuchtigen Möbelstücke sind mit der Erfindung des Flachbildschirms netterweise gleich mit ausgestorben.
Nun, ich suchte und fand. Die Preise für die flachen TV-Flundern sind gefallen, doch stolperte ich bei meiner Recherche auf ein ungewöhnliches TV-Gerät.
Ein Fernseher für läppische 79.999 Euro.
In Worten noch mal, damit keiner glaubt, ich hätt mich vertippt:
Neunundsiebzigtausendneunhundertneunundneunzig.
Zweihunderteinundsechzig Zentimeter Bilddiagonale.
Was für Menschen sind das, die sich so eine Flimmerkiste kaufen?
Und darf man zu so einem Gerät überhaupt „Flimmerkiste“ sagen?
Würde ein dekadenter Dialog zweier Barone folgend möglich sein?

„Schau hier, meine Flimmerkiste für gerade mal neunundsiebzigtausendneunhundertneunundneunzig Euro!“
„Mensch, Klasse, Thorben. Und dieser eine Euro, durch den die Schmerzgrenze von 80.000 Euro nicht überschritten wird. Wahnsinn!“

Vermutlich.
Gehen wir davon aus, dass weder Sie noch ich jemals diesen Fernseher in die Palette technischen Schnickschnacks aufnehmen, der in unseren Behausungen piept und blinkt.
Und das ist auch okay so. Ich müsste mir erstmal ne Eigentumswohnung kaufen, die mehr wert wäre, als dieser Fernseher. Alles andere wäre doch zu paradox.
Doch was kann dieser Fernseher für so unglaublich viel Geld? Da muss es doch was besonderes geben, so nen Batzen Kohle leg ich doch nicht hin, damit ich morgens im RTL Shop Walter Freiwalds dampfreinigerverkaufendes Gesicht im Kontrastverhältnis 5.000 : 1 genießen darf, oder?
Sortiert er vielleicht gutes Fernsehprogramm von schlechtem? Aber das ist auch blöd, dann bleibt das Ding die meiste Zeit aus. Kann man vielleicht sogar darin wohnen? Schlafen? Dann bräuchte ich diese teure Eigentumswohnung nicht mehr, ich würde mich einfach abends in das Innere meines 220 Kilogramm schweren Fernsehers legen und mir Pixelsand in die Augen streuen lassen.
Geliefert wird das schicke Gerät direkt vom Hersteller, was noch mal 6.000 Euro kostet, was witzig ist, weil ich mir für dieses Geld fünf gute Fernseher kaufen könnte und somit auch auf dem Gästeklo keine Folge von „unser neues Zuhause“ verpassen würde.
Warum 6.000 Euro? Sind das die Kosten für das Herausbrechen tragender Pfeiler, damit sie den Fernseher überhaupt in mein Wohnzimmer gerollt kriegen?
Oder kommt der Vorstandschef der Herstellerfirma mit dem Hubschrauber persönlich angeflogen, um mir zu meinem Spontankauf zu gratulieren? Hubschrauberbenzin ist teuer.
Geben wir doch die rund achtzigtausend Euro für sinnvollere Dinge aus und nicht für einen solch oberflächlichen Humbug.
Fliegen wir doch lieber nach Schanghai in den Seelensupermarkt und kaufen leere Döschen, leere Kartons, leere Behältnisse. Ganz leer sind die Verpackungen nicht, im Gegenteil, sie sind voller Seelenzustände.
Auf einer steht „ein viertel Liter bedingungslose Liebe!“ Ein vernünftig gewähltes Maß, viele halten mehr bedingungslose Liebe auf einmal auch nicht aus.
Oder wir kaufen uns „8 Stunden guten Schlaf“. Dass man den auch umsonst bekommt, in dem man einfach früh genug ins Bett geht, fällt vielen erst auf, wenn die Packung schon geöffnet wurde und da ist es für einen Umtausch schon zu spät, wer kann schon Schlaf wieder zurück in eine Packung befördern?
Es gibt auch eine Flasche, auf der „Stell Dich Deiner Hässlichkeit“ steht! Ein Verkaufsschlager? Eigentlich reicht doch da ein nicht beschlagener Spiegel, eine Reise nach Schanghai ist also unnötig.
Bei all der Frotzelei hat das ganze dann doch wieder einen ernsten Hintergrund und eine tiefgründige Botschaft. Denn der spirituelle Tante Emma Laden mit den ulkigen Verkaufsschlagern wurde von einem dänischen Künstler ins Leben gerufen. Warum er diesen Laden in Schanghai und nicht in Kopenhagen eröffnet hat, kann man nur mutmaßen. Vielleicht waren die Dänen einfach nicht an „Wehmut“ in Flaschen interessiert.
Doch die Dänen haben’s nicht geschnallt, denn der Künstler will dem unsäglichen Konsumterror spirituelles Shopping entgegensetzen. Der Kunde soll daran erinnert werden, worauf es eigentlich ankommt. Als belustigter Betrachter hoffe ich natürlich nicht, dass es im Leben darauf ankommt, leere Behälter zu kaufen, wo „ein Gugelhupf voll Harmonie“ und ähnliches draufsteht. Schlecht ist die Idee ja nicht und die Absicht, Menschen zum Nachdenken anzuregen ist ja auch ehrbar, aber mit Preisen von 1-10 Euro pro Seelenzustand bin ich mir mittlerweile gar nicht mehr so sicher, welcher Konsumterror mehr Sprengkraft birgt. Der omnipotente Fernseher für 80.000 Euro oder „ganzheitliches Denken“ aus dem Karton für 10 Euro. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo kompliziert dazwischen, aber sicher bin ich mir nicht.




Hier noch ein paar Seelenzustände, die ich mir gern kaufen würde:

„eine Palette Anti-Morgenmuffeligkeit“ – für den Durchstarter von morgen.
„einen Eimer Lachanfall“ – nicht auf Beerdigungen benutzen
„einen Karton Verkehrstüchtigkeit“ – für Drängler und Rechtsüberholer
„eine Prise Tocken-Nase“ – gegen meinen Heuschnupfen
„die Fünf Minuten Depression“ – bei unberechtigter Euphorie
„ein Sprühfläschchen gepflegte Langeweile“ – wenn’s mal wieder zu aufregend wird, wegen der potenzierten Wirkung nicht an verregneten Sonntagnachmittagen verwenden.

Welche würdet Ihr gern kaufen? Schreibt sie in den Commentbereich.








Kostet keine 80.000 Euro, macht aber trotzdem Spaß: Der Newsletter zu "Pennys Wochenrückblicken" kann per Email an pennysworue@gmx.de bestellt werden!

6 Comments:

Anonymous Anonymous said...

*daumen hoch*

mal wieder die krankheiten dieser welt schön dargestellt. super!!!

also ich hätte dann noch gerne im sortiment...

1 Tüte "kräftiger Arschtritt!" - Wenn die Politiker die nächste Reform ins Leben rufen.


gruß tom

14/6/07 22:20  
Anonymous Anonymous said...

Habe ich dich wieder gefunden. War mal "Tellerwaescher".

Ich hätte gerne noch eine Flasche Nüchternheit als Doppingmittel auf Flaterate-Partys. ;-)

Kauf mir aber wohl erst mal den Schlaf...

15/6/07 05:01  
Anonymous Anonymous said...

Dein Art zu Denken gefällt mir!
Es gibt zuwenig Menschen, die wissen, was wirklich im Leben zählt...

1 Pack rosa Brillen um in die kleine und lebensferne, aber schöne Welt der Reichen und Schönen zu blicken...

16/6/07 20:21  
Anonymous Anonymous said...

Wie immer toll.

Allerdings schreibt man Shanghai ohne "Sch" ;)

21/6/07 21:45  
Anonymous Anonymous said...

Hey...

War wieder einmal sehr schön Mr.!! :)

Also ich würde mir'ne Tüte Wasser kaufen, für die Dusche zwischendurch,
einen Stumm-Schalter für alle Menschen morgens in der Bahn und ein Aufladegerät für mein Konto..

30/6/07 00:31  
Anonymous Anonymous said...

Interesting to know.

29/10/08 16:47  

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